Gestalttherapie

Psychotherapie mit Achtsamkeit

Behandlung GestalttherapieAls eine Therapieform der humanistischen Psychologie wird in der Gestalttherapie versucht, die Selbstheilungskräfte des Patienten zu aktivieren.

Sie konzentriert sich auf das was hier und jetzt stattfindet und wahrgenommen werden kann, anstatt sich zu lange mit der Vergangenheit aufzuhalten.

Der Klient muss bereit sein für den Heilungsprozess und sein Leben Verantwortung zu übernehmen.

In diesem Ratgeber informieren wir Sie umfassend zum Thema Gestalttherapie .

Was ist eine Gestalttherapie?

Die Gestalttherapie ist ein therapeutisches Verfahren der humanistischen Psychologie, das sich unter anderem aus der Psychoanalyse entwickelt hat. Körper, Geist, Seele und Umwelt des Menschen werden bei diesem Ansatz als eine Einheit betrachtet.

 

Das Leitmotto an dem sich die Therapie orientiert lautet: „Ich und Du im Hier und Jetzt“. Der Therapeut ist dabei unterstützender Begleiter und kann die Veränderungen beim Patienten nicht alleine hervorrufen.

 

Durch die Therapie sollen bestimmte Fähigkeiten gestärkt werden, die es der betreffenden Person ermöglichen, ihr eigenes Leben selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu führen und zu gestalten. Dazu gehören bewusste Wahrnehmung der eigenen Gefühle, Gedanken und körperlichen Empfindungen.

 

Psychische Probleme können einen Menschen daran hindern, die Wirklichkeit so wahrzunehmen wie sie ist und das kann zu Schwierigkeiten führen. Oft fehlt einerseits der direkte Zugang zu den eigenen Emotionen, während andererseits die Umwelt, Situationen und Verhaltensweisen anderer Personen auf problematische Weise interpretiert werden.

 

Die Gestalttherapie unterstützt den Klienten daher in der Einzel-, oder Gruppentherapie, im Dialog oder mit anderen Ausdrucksformen, wie durch den Körper, die Stimme oder Klänge, sowie verschiedenen speziellen Methoden, einen neuen, hilfreicheren Umgang mit sich und in der Welt zu erlernen.

Ursprung & Entwicklung:

Die Gestalttherapie entstand im südafrikanischen Exil verschiedener deutscher Psychologen, die aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln das Land während des Nationalsozialismus verlassen mussten.

Die Begründer der Gestalttherapie sind die Psychoanalytiker Paul Goodman und Fritz Perls, sowie die mit Letzterem zunächst vereheiratete Gestaltpsychologin Laura Perls, die jedoch in Bezug auf den Grad der Konfrontation oder Weichheit der Herangehensweise jeweils unterschiedliche Stile entwickelten.

Herr Perls ließ sich schließlich von seiner Gattin scheiden und verlegte seinen Lebensmittelpunkt an die Westküste der USA, während sich Frau Perls an der Ostküste niederließ. Er praktizierte einen eher hart anmutenden, oft gar konfrontativen „Westküstenstil“, während sie für einen erheblich weicheren und ganzheitlicheren „Ostküstenstil“ der Gestalttherapie stand.

Aber innerhalb der Gestalttherapie haben sich nach der Periode der Gründung sowohl in den USA und anschließend weitergetragen in Europa verschiedene Versionen, Abwandlungen, Strömungen und Stile weiter entwickelt. Dazu hat  das Facettenreichtum der vielfältigen Theorie und Praxis des kaum standardisierten Nachlasses der Gründungsphase definitiv ihren Beitrag geleistet.

In den Anfangszeiten, nannten sie ihr Verfahren noch ‚Konzentrationstherapie‘, da es darum geht, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Damit ist diese Strömung ein Vorreiter in der Entdeckung, wie wichtig für psychotherapeutische Prozesse, die Fähigkeit ist, sich seiner Gefühle, Gedanken und Wahrnehmungen bewusst zu sein. Eine Erkenntnis die sich heute unter dem Schlagwort ‚Achtsamkeit‘ großer Beliebtheit und Bekanntheit erfreut.

Das Verb ‚gestalten‘, das im heutigen Namen enthalten ist, bedeutet, eine sinnvolle, zusammenhängende, einheitliche Struktur zu bilden und ist der Erklärung von Wahrnehmung in der Gestaltpsychologie entlehnt.

Sowohl die vorher bereits existierende Gestaltpsychologie als auch die daraus entstandene Gestalttherapie gehen davon aus, dass jeder Mensch in seiner Wahrnehmung Einzelelemente zu einem sinngebenden Ganzem zusammenfügen, sich somit ihre Wirklichkeit gestalten. Dieses Gesamtbild, dass dann in der Wahrnehmung am Ende entsteht ist aufgrund des entstandenen Sinnes mehr als lediglich die Summe seiner einzelnen Bestandteile.

 

Funktion, Wirkung & Ziele – Behandlungen & Therapien

 

Aufgrund verschiedener schwieriger, verletzender oder gar traumatischer Situationen entwickeln Menschen Abwehrmechanismen, die den Zugang zu den eigenen Gefühlen erschweren oder ganz versperren.

 

Durch Erleben der eigenen Gefühle, das Üben von Gewahrsein und die Wahrnehmung dessen was tatsächlich ist, statt eigener Interpretationen oder Spekulationen, können solche Abwehrmechanismen Schritt für Schritt überwunden werden, so dass der Patient mehr im Hier und Jetzt ankommt und lebt.

 

Die Verarbeitung vergangener Erlebnisse wird in der Gestalttherapie nicht als zwingend erforderlich zur Lösung von Problemen in der Gegenwart gesehen. Daher wird zwar anerkannt, dass die Vergangenheit prägend ist. Aber im Gegensatz zur Psychoanalyse, liegt der Schwerpunkt nicht dort, sondern im aktuellen Erleben und Handeln.

 

Ziel der Gestalttherapie ist es eher, mittels therapeutischer Techniken innerhalb einer Einzel-, Gruppen-, Paar-, oder Familientherapie, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erlernen oder zu stärken, die es einem erlauben im guten Kontakt mit sich und der Umwelt zu sein, ein Gleichgewicht zwischen Offenheit und gesunder Abgrenzung herzustellen.

Durchführung & Wirkungsweise:

 

Viele Methoden der Gestalttherapie verfolgen das Ziel, die Achtsamkeit des Klienten bezüglich seiner Umweltwahrnehmung und des subjektiven Erlebens zu stärken.

 

Dafür bittet der Therapeut seinen Klienten vielleicht, etwas Gesagtes nochmal oder lauter zu wiederholen, damit ihm selbst der jeweilige Zusammenhang bewusster wird. Oder aber er kann ihn zu diesem Zweck auch auffordern, durch einen Ton oder eine Bewegung zu zeigen, wie es ihm in diesem Moment geht.

 

Unabhängig von der technischen Ausführung einer Methode, ist es für die Wirksamkeit wichtig, dass bestimmte zentrale Prinzipien eingehalten werden, da sonst der Sinn verloren geht.

 

Es gibt vier zentrale Prinzipien auf denen die Methoden der Gestalttherapie basieren und die immer berücksichtigt werden sollten. Diesen zufolge ist Gestalttherapie:

  • Dialogisch: Mit dem Therapeut als partnerschaftlichen Begleiter (nicht als ‚Behandler‘)
  • Feldtheoretisch: Der Mensch als Teil von und Einheit mit seinem Umfeld
  • Phänomenologisch: Achtsamkeit für das was tatsächlich ist (statt Interpretationen, Bewertungen)
  • Existentialistisch: Die Verantwortlichkeit des Menschen für sein Leben

Der Klient lernt folglich durch die begleitende Unterstützung des Therapeuten, seine automatisierte Verhaltens- und Wahrnehmungsmuster zu erkennen und durch Gewahrsein und Selbstkontakt, für die eigenen Gefühle und Bedürfnisse Verantwortung zu übernehmen und somit seine Wahrnehmung der Realität anzupassen und sein Verhalten und eventuell sogar sein Leben zu ändern.

Hilft bei:

  • Persönlichkeitsstörungen
  • psychosomatischen Beschwerden
  • Depressionen
  • Süchten
  • Essstörungen

Fördert & stärkt:

  • Selbstkontakt
  • Kontakt zu anderen Menschen und zur Umwelt
  • Einklang von Gefühlen, Gedanken und Körperempfindungen
  • Achtsamkeit sich selbst und anderen gegenüber
  • Abbau von Abwehrmechanismen in der Wahrnehmung
  • Eigenverantwortung und Selbstbestimmung
  • Einklang von Abgrenzungsfähigkeit und Offenheit

Diagnose & Untersuchungsmethoden

In der Gestalttherapie gibt es verschiedene Techniken, welche die Zielfähigkeiten fördern, die es dem Klienten ermöglichen, seine Probleme selbst zu lösen.

Behandlung GestalttherapieÜbungen: Gestalttherapeutische Übungen fördern das bewusste Wahrnehmen, Erleben und Verhalten. Dabei handelt es sich um bewusst inszenierte und kostruierte Situationen, in denen der Patient sich gewahr werden soll, wie er sich eigentlich verhält und mit dem jeweils relevanten Thema umgeht.

Hierbei geht es keinesfalls darum, dem Patienten einfach nur vorzugeben und ‚überzustülpen‘, wie er sich zu verhalten habe oder in welche Richtung er sich entwickeln  solle.

Experimente: Wie der Name bereits verraten mag, geht es beim Experimentieren darum, Neues auszuprobieren und zu erforschen. Während es bei den Übungen um allgemeinere Situationen geht, werden bei den Experimenten die jeweils konkreten Fälle ganz individuell für den Patienten ausgesucht.

Es geht darum, neue Erfahrungen zu machen, neue Situationen kennenzulernen, vielleicht auch neue Verhaltensweisen zu erproben. Niemals geht es  jedoch um die richtige oder falsche Verhaltensweise, oder das gute oder schlechte Muster, sondern um Lernprozesse, offene Beobachtung und Erfahrung.

Hausaufgaben: Ein Experiment, das außerhalb des therapeutischen Settings durchgeführt werden soll, ist eine Hausaufgabe. Klient und Therapeut können sich während der Sitzung gemeinsam sinnvolle Übungen und Experimente ausdenken, die auch außerhalb des Rahmens der Therapiesitzung angewandt werden können.

Ein Beispiel könnte der Fall von jemandem sein, der unter sozialen Ängsten leidet. Nach Beratung mit seinem Therapeuten entschließt er sich dazu, das nächste Mal, wenn er unter Menschen ist, seine körperlichen Reaktionen zu beobachten, sich also auf seinen Atem, die Herzfrequenz, den eventuellen Schweiß konzentrieren soll und wenn möglich, das erst einmal einfach nur anzunehmen.

Situationsbezogene Interventionen: Fast immer gibt der Therapeut dem Patienten Rückmeldungen über seinen Eindruck und seine Resonanz. Das sind Aussagen oder Fragen des Therapeuten während des Gesprächs mit dem Klienten, die sich auf die jeweilige Situation beziehen und als eine Art Realitätscheck für den Klienten dienen.

Ein Beispiel hierfür könnte jemand sein, der außer sich vor Wut behaupte, er sei nicht wütend. Der Therapeut könnte ihm dann in dieser Situation das Feedback geben, dass er auf ihn schon verärgert wirke. Der Klient kann diese Rückmeldung dann als Anregung zum Nachdenken sehen oder aber natürlich auch anders sehen.

Modalitäten und Medien: Schließlich lernt der Patient eine bessere Wahrnehmung seines Körpers, z.B. seines Atems, seiner Haltung, oder etwa seiner Stimme und experimentiert auch mit nonverbalen Ausdrucksweisen, etwa mittels des Körpers. Auch hier kann es sehr hilfreich sein, wenn der Therapeut dem Klienten über diese Erscheinungen Rückmeldungen gibt. Oft merkt man schließlich nicht, wie krumm man vielleicht da sitzt oder wie sehr man, etwa aus Unsicherheit nuschelt.

Der leere Stuhl: Die wohl bekannteste Technik der Gestalttherapie ist die des ‚leeren‘ oder auch ‚heißen Stuhls‘. Wenn es bei der Bearbeitung eines Themas etwa um eine wichtige Bezugsperson, einen eigenen Persönlichkeitsanteil oder ein Gefühl des Patienten geht, stellt er sich vor, dass diese Person, dieser Anteil oder dieses Gefühl auf dem Stuhl sitzt, um dann in Dialog mit dieser oder diesem zu treten.

Diese Methode kann auch als ‚Phantasiegespräch-Technik‘ bezeichnet werden. Wenn es etwa, um eine bestimmte Seite der Persönlichkeit des Klienten selbst geht, wie etwa eine eifersüchtige Seite, kann der Klient die Eifersucht gedanklich auf den leeren Stuhl setzen und ein Gespräch mit ihr beginnen.

Während dieser Dialog sonst eher unbewusst in Gedanken stattfindet, ist diese Technik eine Chance, diese inneren Gedanken mal laut auszusprechen. Das hilft dabei, sich der inneren Prozesse mehr und mehr bewusst zu werden. Der Klient kann selbst immer wieder zwischen den Rollen hin und her wechseln und sich auch tatsächlich räumlich umsetzen, um sich besser in die Rolle und Situation hineinversetzen zu können.

Zusammenfassend sind die verbreitetsten Techniken der Gestalttherapie:
  • Übungen
  • Experimente
  • Hausaufgaben
  • Interventionen
  • Körper und Nonverbales
  • Leerer Stuhl

Risiken & Nebenwirkungen:

  • ‚Gestalttherapeut‘ ist kein geschützter Begriff
  • nur Privatfinanzierung
  • Standards werden z.T. nicht eingehalten
  • Qualitätsmangel kann gefährlich sein

 

Da der Beruf des Gestalttherapeuten nicht geschützt ist, gibt es keinen institutionellen Zwang zur Einhaltung einheitlicher Standards, welche die Qualität der Therapie und den verantwortungsbewussten Umgang des Therapeuten sicherstellen, obwohl diese von der Deutschen Vereinigung für Gestalttherapie (DVG) vorgegeben werden.

 

Bei einem nicht ausreichend ausgebildeten Therapeuten besteht die Gefahr, dass der Stil zu konfrontativ ist und die persönlichen Grenzen des Klienten überschreitet, so dass es zu einer Verstärkung von Abwehrmechanismen und einer Verschlimmerung der psychischen Probleme kommen kann.

 

Aber auch bei einer Therapie nach den Richtlinien der DVG gibt es den Nachteil der Kosten, da diese Therapieform in Deutschland nicht von den Krankenkassen übernommen wird (im Gegensatz zu Österreich oder der Schweiz), obwohl sie mittlerweile international als Psychotherapieverfahren anerkannt wird, deren Wirksamkeit auf wissenschaftlichen Tatsachen basiert.

Gegenanzeigen & Wechselwirkungen:

  • Mangelnde Bereitschaft zur Eigenverantwortung
  • Mangelnde Kooperationsbereitschaft
  • keine finanziellen Möglichkeiten

 

Im Prinzip kann jeder, der seine psychischen Problemen überwinden möchte und in der Lage ist, das selbst zu finanzieren, an einer Gestalttherapie teilnehmen. Wichtig ist, dass nicht vom Therapeuten erwartet wird, dass dieser den Klienten ohne das eigene Zutun heilt.

Die Gestalttherapie ist nur geeignet für Personen, die den Willen und die Bereitschaft haben, an und mit sich selbst zu arbeiten, da es ein hohes Maß an Aktivität seitens des Patienten erfordert.

Wer diese Grundmotivation jedoch mitbringt, der braucht sich keine Sorgen um Wechselwirkungen oder Gegenanzeigen zu machen. Falls der Klient jedoch eine Gestalttherapie parallel zu einer bereits laufenden anderen Therapieform machen möchte, sollte er die entsprechenden Therapeuten jeweils darüber informieren.

Wer behandelt?

  • Psychotherapeuten mit Zusatzausbildung
  • Quereinsteiger mit Weiterbildung

 

Während die meisten Gestalttherapeuten, reguläre Psychotherapeuten, Sozialpädagogen oder Berater sind und eine entsprechende Zusatzqualifikation absolviert haben, gibt es auch welche ohne therapeutischen Hintergrund, die lediglich die dreijährige Ausbildung gemacht haben.

Unser Fazit:

Wer unter weit verbreiteten psychischen Problemen leidet, wie etwa Depressionen, Süchten, psychosomatischen Beeinträchtigungen oder Angststörungen, aber auch eine Person mit einer Persönlichkeitsstörungen, wie etwa der Schizophrenie, kann durch die Gestalttherapie nachgewiesener Maßen eine Besserung der Symptome erfahren.

Die Stärken in der Wirksamkeit der Gestalttherapie liegen insbesondere bei der Entwicklung sozialer Kompetenzen des Patienten und bei der Lösung zwischenmenschlicher Konflikte.
Wichtig bei der Auswahl eines kompetenten Therapeuten ist, dass er die Zusatzbezeichnung DVG führt. Das zertifiziert, dass der Therapeut ausreichend ausgebildet ist, da er 1.450 theoretische und praktische Zeitstunden in einem Zeitraum von 3 bis 5 Jahren absolviert hat.

Bei einem regulären Psychotherapeuten mit entsprechender Zusatzausbildung kann die Gestalttherapie jedoch eine große Bereicherung sein und dem Patienten die Methoden an die Hand geben, sich selbst immer mehr aus Ängsten und hinderlichen Verhaltensweisen zu befreien und diese in konstruktivere Varianten zu transformieren.

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