Chronischer Schmerz in Familie und Partnerschaft

Chronischer Schmerz – ein weiteres Familienmitglied?

Untersuchungen haben gezeigt, dass im Querschnitt aller Schmerzerkrankungen die Häufigkeit chronischer Schmerzen im Alter zwischen 45 und 64 Jahren am höchsten ist. Damit sind häufig Patienten in einem Lebensabschnitt betroffen, in dem in den meisten Fällen familiär und/oder beruflich starkes Engagement erforderlich ist. Jedoch benötigt das Auftreten chronischer Schmerzen viel Kraft und führt damit in der Rege! bei der Mehrzahl der Betroffenen zu einer vergleichsweise eingeschränkten Lebensqualität.

Nun sind aber häufig nicht nur die chronischen Schmerzpatienten selbst, sondern auch das gesamte familiäre Umfeld von dieser Erkrankung betroffen: massive Schmerzen können in hohem Maße auf den familiären Alltag Einfluss nehmen und bei den anderen Familienmitgliedern, vor allem den Partnern/Partnerinnen, die verschiedensten und widersprüchlichsten Gefühle hervorrufen:

  • Hilflosigkeit,
  • Mitleid,
  • Verzweiflung angesichts des Leidens,
  • aber durchaus auch Wut und Ärger in Hinblick auf die teilweise komplizierte Alltagsgestaltung („schon wieder muss ich alles alleine regeln“, „für die Arbeit reisst er/sie sich zusammen, für uns hat er/sie gar keine Energie mehr“ etc.).

Für eine Partnerschaft und Familie ist es jedoch generell wichtig, die Balance zwischen Nähe und Selbstständigkeit der einzelnen Familienmitglieder zu finden, um die Zufriedenheit innerhalb der Familie/Partnerschaft zu erhöhen und damit den Zusammenhalt langfristig zu erhalten. Dies ist für Familien, in denen ein Mitglied unter chronischen Schmerzen leidet, besonders schwierig: Eine in Amerika durchgeführte Studie zum Einfluss chronischer Schmerzen auf Partnerschaft und Familie (Smith u. Friedmann, 1989) konnte 6 wichtige Themenbereiche aufzeigen, die das Familiensystem belasten können:

  • durch den Schmerz bedingter Kummer und Sorgen innerhalb der Familie,
  • Entfremdung der Familienmitglieder voneinander,
  • Schwierigkeiten, sich gegenseitig seine Gefühle mitzuteilen,
  • wechselseitige Verstrickung in die Probleme des anderen,
  • Isolierung der Familie vom sozialen Umfeld
  • sowie Frustration und Erschöpfung durch zahlreiche Heilungsversuche.

Die bei vielen chronischen Schmerzpatienten vorliegenden Schlafschwierigkeiten können auch bei den Lebenspartnerinnen/-partnern zu Schlafmangel und dadurch längerfristig zu Erschöpfung und geringerer Belastbarkeit im Alltag führen.

Gerade Angehörige chronischer Schmerzpatienten fühlen sich diesen Themenbereichen oftmals hilflos ausgeliefert. Was ist der „richtige“ Umgang mit dem schmerzkranken Angehörigen? Gibt es ein zuviel oder zuwenig an Verständnis für den Betroffenen? Darf und muss ich mich selber abgrenzen oder bin ich dann ein schlechter Mensch?

Auch äußere Umstände, z.B. finanzielle Einbußen aufgrund eines Verdienstausfalls oder Veränderung der eigenen Freizeit aufgrund gestiegener häuslicher Aufgaben können schwierige Anpassungsleistungen vom Angehörigen verlangen, die ohne Hilfestellung von außen kaum zu bewältigen sind.

 

Was kann helfen?

Tatsächlich gibt es aus Forschung und klinischer Erfahrung Hinweise auf Verhaltens- und Umgangsweisen von Angehörigen, die sich sowohl günstig auf das Familienklima als auch teilweise auf die Schmerzerkrankung selbst auswirken können. Allerdings genügen in diesem Zusammenhang aufgrund der unterschiedlichen Schmerzerkrankungen und Familienkonstellationen sowie den unterschiedlich ausgeprägten Fähigkeiten („ich konnte noch nie meine Wünsche äußern!“) einfache Patentrezepte nicht. Selbsthilfegruppen von Angehörigen können ein erster Weg sein, sich gemeinsam mit anderen Betroffenen auszutauschen und Hilfestellung zu finden. Besonders günstig scheint jedoch, sich unter fachlicher Anleitung speziell auf die eigene Situation zugeschnittene Strategien zu entwickeln. Ein entsprechendes Angebot macht die im Schwarzwald gelegene verhaltensmedizinische Elztal Klinik in Elzach-Oberprechtal.

 

Was bedeutet in diesem Zusammenhang „Verhaltensmedizin“?

Im Indikationsspektrum dieser Klinik stellt die Behandlung chronischer Schmerzen und ihrer Folgen einen wesentlichen Behandlungsschwerpunkt dar. „Verhaltensmedizin ist die ganzheitlich-wissenschaftliche Sicht auf den Patienten und sein Umfeld“. Unter dieses Motto stellt die Klinik ihre therapeutischen Konzepte in Therapie und Rehabilitation. Der ganzheitliche verhaltensmedizinische Ansatz zielt auf die Gesamtpersönlichkeit des Patienten ab. Zur Therapie werden neben ärztlicher Kompetenz und moderner Diagnostik vor allem krankengymnastische und balneophysikalische sowie psycho- und kunsttherapeutische Maßnahmen genutzt. Eine gesunde Kost und eine an die Erkrankung angepasste Ernährung hat in dieser Klinik, die gleichzeitig Lehrklinik für Ernährungsmedizin ist, einen hohen Steilenwert. Auf diese Weise sollen nicht nur Funktionsstörungen und deren Symptome bekämpft werden, sondern gleichzeitig dem ganzen Menschen in seiner ganz persönlichen Lebenssituation geholfen werden. Der Betroffene soll den eigenverantwortlichen Umgang mit seiner Gesundheit oder Krankheit/Behinderung erlernen.

Das individuelle Therapieprogramm wird deshalb nie als starres Konzept verordnet, sondern in Absprache zwischen Patient und Therapeuten den sich verändernden Entwicklungen während des stationären Aufenthaltes angepasst. Endziel bei der Behandlung chronischer Schmerzpatienten ist es, für den ganz persönlichen häuslichen Alltag Hilfestellungen zu finden, die es einem ermöglichen, Schmerzen zu verringern oder besser mit ihnen umgehen zu können. So ist es nur logisch, die Angehörigen selbst in diesen Prozess mit einzubeziehen. Daher wurde das bereits bestehende Angebot der verhaltensmedizinischen Gruppen für chronische Schmerzpatienten um Gruppen für Angehörige von Menschen mit chronischen Schmerzen erweitert.

 

Wie sieht das Angebot für Angehörige chronischer Schmerzpatienten aus?

Mit dem Angebot eines stationären Rehabilitationskonzepts für Angehörige von chronischen Schmerzpatienten wird diesen die Möglichkeit gegeben, sich im Rahmen eines speziell auf die Bedürfnisse dieser Gruppe zugeschnittenen verhaltensmedizinischen Kur- und Rehabilitationsaufenthalts zu erholen und zu stabilisieren. Besonders wichtig ist jedoch, diesen Erholungserfolg auch langfristig aufrechterhalten zu können. Daher ist ein zentraler Bestandteil des Konzepts, sich unter verhaltenstherapeutischer Anleitung Grundlagen für den zukünftigen Umgang mit der häuslichen Situation zu erarbeiten, um sich beispielsweise selbst zukünftig besser entlasten oder auch positiven Einfluss auf die familiäre Gesamtsituation nehmen zu können. Da Angehörige von chronischen Schmerzpatienten im Alltag kaum eine Möglichkeit haben, andere Personen in der gleichen Situation kennen zu lernen und sich auszutauschen, ist das Angebot als Gruppenmaßnahme konzipiert. Es richtet sich an Angehörige von Patienten mit chronischen Schmerzen, die sich aufgrund der häuslichen Situation deutlich beiastet fühlen und ist auf die übliche Dauer einer stationären Rehabilitationsmaßnahme ausgelegt (3 Wochen).

Für die Teilnehmer gibt es von Anfang an ein festes Grundangebot an Behandlungsmaßnahmen:

  • die psychologische Gruppe für Angehörige von chronischen Schmerzpatienten (insgesamt 8 Termine a 1,5 Stunden; Inhalte: Medizinische Informationen zu chronischen Schmerzen, Möglichkeit zum Austausch mit anderen Betroffenen, Stressbewältigung, Gesprächsführung in der Partnerschaft, Erlernen der Progressiven Muskelentspannung nach Jacobson als wirksames Entspannungsverfahren),
  • eine sporttherapeutische Gruppe zur Schulung von Körperwahrnehmung und Belastungsgrenzen (2 x wöchentlich 1 Stunde),
  • eine Gruppe zur funktionellen Gymnastik (2 x wöchentlich 1/2 Stunde)
  • sowie kunsttherapeutische Angebote nach Wahl.

Je nach individueller Befundlage können Zusatzangebote in den Behandlungsplan aufgenommen werden. Grundsätzlich gilt:

  • im Bereich der Physikalischen Therapie, der Physiotherapie sowie der Psychotherapie: maximal 2 Termine die Woche,
  • im Bereich der ärztlichen Behandlung: maximal 3 Termine die Woche.

Wie kann ich an diesem Angebot teilnehmen?

Die Maßnahme kann als Kur- bzw. Rehabilitationsmaßnahme bei der Krankenkasse unter speziellem Hinweis auf das vorliegende Konzept beantragt werden.

Adresse:
Elztal Klinik,
Pfauenstr. 6,
79215 Elzach-Oberprechtal

Ansprechpartnerin in der Elztal Klinik ist Frau Joos, Tel. 07682/805-117

 

 

Literaturhinweise:

Chronischer Schmerz & Partnerschaft. Ute Leidig, Shaker Verlag GmbH, 1996. 49 Euro

 

Wissenschaftliche Literatur

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