Das Verhältnis zwischen Arzt und Schmerzpatienten

Die „Patientenführung“ ist vor allem bei Schmerzpatienten ein äußerst wichtiger Bestandteil des Arzt-Patienten-Verhältnisses. Da der chronische Schmerz sich in einigen Aspekten wesentlich vom akuten Schmerz unterscheidet, müssen sowohl Arzt/Ärztin als auch Patient/-in diesen Unterschieden entsprechend Rechnung tragen.

Dies gilt für die Ärzte, die alle ihre Handlungsweisen auf die besonderen Merkmale der chronischen Schmerzpatienten abstimmen müssen, genauso wie für die Schmerzpatienten selbst; sie alle müssen ihr traditionelles Bild vom „Heilberuf Arzt“ und die damit verbundene Erwartungshaltung ihrer individuellen Realität angleichen.

Patienten mit akuten Schmerzen

Bei ihnen ist der Schmerz ein akut auftretendes Warnsignal, das den Patienten veranlasst, den Arzt aufzusuchen. Erfahrungsgemäß weckt die akute Erkrankung Angst und das Gefühl der Bedrohung; gleichzeitig besteht aber auch die berechtigte Hoffnung, dass dieser aktuelle Krankheitszustand rasch wieder vorübergehen wird.

Entscheidend, aus der Sicht des Arztes, ist daher, diesen Warnsymptomen gebührende Aufmerksamkeit zu schenken, wobei eine sorgfältige Anamnese (Erhebung der Vorgeschichte) und Untersuchung in aller Regel eine Diagnosenstellung (um welche Krankheit handelt es sich?) erlauben.

In der Regel ergeben sich aus der Diagnosenstellung automatisch die ersten Schritte zur Schmerzbekämpfung, denn bei akuten Schmerzzuständen ist häufig eine kausale Therapie (auf die Schmerzursache bezogen) möglich, die Schmerzursache wird verschwinden und mit ihr auch die akute Schmerzsymptomatik. Dies ist das uns allen von Kindesbeinen an vertraute traditionelle Bild des Heilberufes Arzt. Die berechtigte Aussicht des Patienten auf schnelle Hilfe macht dem Arzt den Zugang zum Patienten leicht.

Patienten mit chronischen Schmerzen

Aus der Sicht chronischer Schmerzpatienten stellt sich das Arzt-Patienten-Verhältnis nahezu grundlegend anders dar.

Das traditionelle Zutrauen in die Fähigkeit der Medizin ist im Laufe des Chronifizierungsprozesses geschwunden, wenn nicht gar abhanden gekommen.
Seine Zukunftsperspektiven und Erwartungen sind durch die permanenten schmerzbedingten Einschränkungen des persönlichen Lebens sehr verändert.

Während bei akuten Erkrankungen als therapeutisches Ziel im wesentlichen die Beseitigung der Ursache in einem überschaubaren Zeitraum angestrebt wird, geht es bei chronischen Erkrankungen oftmals nicht um Heilung, sondern um die Bewältigung der mit der chronischen Erkrankung verbundenen Probleme.

In Kenntnis dieses Sachverhaltes gestaltet sich der Handlungsablauf für den mit chronischem Schmerz befassten Arzt sehr viel komplexer. Selbstverständlich muss auch er zunächst eine Anamnese erheben. Im Anschluss an die sinnfälligen Untersuchungen muss auch er zu einer Diagnose gelangen.

Aber aufgrund der soeben aufgeführten Besonderheiten bei chronischen Schmerzen wird er oftmals nicht „heilen“ können, genau so, wie es die häufig zahlreichen Kollegen vor ihm nicht gekonnt haben. Er sollte zunächst seine Aufmerksamkeit auf die dem Patienten verbliebenen aktiven Fähigkeiten richten und diese für den Bewältigungsprozess nutzbar machen.

Es ist seine Aufgabe, diese Fähigkeiten therapeutisch zu stärken, mit dem medizinisch Machbaren zu unterstützen und sich vom Fortgang dieses Prozesses regelmäßig mittels ausführlicher Gespräche zu überzeugen.

Chronische Schmerzen bedeuten für den Patienten meist langjährige Leiden, vielfältige Behandlungsversuche und häufig Kampf um die Anerkennung der Realität der Beschwerden. Die Gestaltung des Arzt-Patienten-Verhältnisses im Sinne von Verständnis und konstruktiver Zusammenarbeit ist daher eine wesentliche Voraussetzung der Behandlung. Diese umfasst neben der somatischen (auf den Körper ausgerichteten) Schmerztherapie selbstverständlich auch die psychische Betreuung. Denn Angstzustände, Depressionen, Selbstmordtendenzen und Medikamentenmissbrauch bis hin zur Abhängigkeit von zur Schmerztherapie ungeeigneten Substanzen sind alltägliche Problemsituationen, die durch den Arzt in gleicher Weise psychotherapeutisch wie medikamentös aufgefangen werden müssen.

Nicht von ungefähr bezeichnen sich daher die in der Behandlung chronischer Schmerzpatienten erfahrenen Ärzte nicht als „Schmerzärzte“ sondern als Schmerztherapeuten Lind bringen damit zum Ausdruck, das ihre ärztliche Tätigkeit durch andere Facetten über die traditionelle Arztrolle hinaus erweitert werden muss.

Fazit für den chronischen Schmerzpatienten

So wie der Arzt, der mit der Diagnose und Behandlung chronischer Schmerzen befasst ist, sein traditionelles Selbstbild als „Heiler“ in Frage stellen muss, so ist auch der Schmerzpatient gefordert, seine traditionelle Stellung in der Arzt-Patienten-Beziehung zu überprüfen.

Der verständliche Wunsch nach Heilung ,,durch einen guten Arzt“ ist leider häufig Illusion. Das wiederholt angesprochene traditionelle Rollenbild des Patienten als passivem Empfänger einer vom Arzt allein verordneten Heilmaßnahme führt in den meisten Fällen chronischer Schmerzen zu nichts. Eine erfolgreiche Bewältigung eines chronischen Schmerzleidens führt nur über einen Wandel des traditionellen Rollenverständnisses in der Arzt-Patienten-Beziehung.

So wie der Arzt sich vom alleinverantwortlichen Medizinexperten zum mitverantwortlichen Berater und Therapeuten wandeln muss, so muss der Patient die Rolle des passiven Empfängers von Verschreibungen und Verhaltensmaßregeln aufgehen und zum kritischen Partner des Arztes werden, der sich selbst aktiv am Therapiegeschehen beteiligt, um Fortschritte bemüht und zu Mitteln der Selbsthilfe greift, selbstverständlich unter entsprechender Berücksichtigung des ihm verbliebenen Selbsthilfe-Potentials.

Für chronische Schmerzpatienten ist es unabdingbar sich zu aktiven Bewältigungsstrategien zu motivieren, wie es für andere Gruppen chronischer Erkrankungen, genannt seien hier insbesondere Diabetiker, Rheumatiker, Asthmatiker längst selbstverständlich ist.

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