Interview über Anorexie

written by joe 10. Februar 2017

 

Guten Tag Daniela.

Sie selbst haben eine Website über ihre Erlebnisse mit der Magersucht gemacht, welche bei ihnen 1 Jahr lang andauerte, und auf der Sie über ihre Erfahrungen in dieser Zeit berichten.

 

 

Wie kamen Sie auf die Idee eine Website über das Thema zu betreiben?

 

Die Idee für die Website kam mir erst nach meiner Genesung. Meine Zeit der Magersucht dauerte glücklicherweise nicht lange, jedoch beschäftigt sie mich noch heute. Es tat mir irgendwie gut, all meine Erlebnisse und Erfahrungen niederzuschreiben, um somit einen Abschluss zu finden. Ich war im Internet lange auf der Suche nach Geschichten wie meinen, las Bücher, etc. und merkte, dass ich nicht die Einzige bin oder war, die Dieses oder Jenes durchmachte. Ich fühlte mich verstanden und war nicht mehr so allein mit meinen Gefühlen. Das tat einfach verdammt gut. Das war auch der Hauptgrund, warum ich meine Geschichte ins Netz stellte – um anderen Mut zu machen und weiterzuhelfen, egal auf welche Weise.

 

Wie würden Sie selbst Anorexie beschreiben?

 

Magersucht (=Anorexie) ist eine psychische Erkrankung, die mit Essensvermeidung und -verwehrung einhergeht. Der/Die Betroffene will damit totale Kontrolle über sich und den eigenen Körper erlangen. Gleichzeitig findet eine verzerrte Wahrnehmung statt, in der man sich selbst proportional anders sieht, als seine Umwelt. Anorexie ist ein schleichender Prozess, dessen Ursachen vielseitig sein können. Hauptsächlich geht sie mit geringem Selbstwertgefühl einher. So wie bei anderen Süchten auch, entwickeln die Betroffenen bestimmte Suchtrituale und versuchen, ihre Krankheit so lang wie möglich zu verheimlichen. Magersucht ist an keinem Geschlecht, keiner Kultur und keiner Gesellschaftsschicht festzumachen.

 

Was raten Sie betroffenen Personen?

 

Nicht aufzugeben und die Krankheit nicht als Teil des Lebens zu akzeptieren. Es gibt heute glücklicherweise immer mehr Institutionen, die sich auf Essstörungen spezialisiert haben und die weiterhelfen können. Auch wenn ich selbst nicht so viel Glück damit hatte, heißt das nicht, dass es keine adäquate Hilfe geben kann. In den letzten Jahren hat sich viel getan und die Gesellschaft wurde auch auf dieses Thema sensibilisiert. Jeder noch so kleine Schritt in die richtige Richtung ist dabei wichtig. Meist hat man zu hohe Erwartungen an sich selbst. Man muss sich eingestehen, dass der Wille allein oft einfach nicht ausreicht. Magersucht ist eine Krankheit und keine Lebenseinstellung. Wenn man das verinnerlicht hat, ist es oft leichter, die Selbstkontrolle abzugeben.

 

Was sind die schlimmsten Fehler, die Angehörige machen können?

 

Mit Ablehnung reagieren („Meine Tochter hat so was nicht“) oder die Krankheit als harmlos abtun. Magersucht ist zwar mittlerweile nicht mehr ganz so unbekannt wie noch vor Jahren, dennoch geht mit der Diagnose eine große Angst einher. Verleugnung und Verharmlosung helfen Niemandem und setzen die Betroffenen unter noch größeren Druck als ohnehin schon. Betroffene neigen außerdem dazu, ihre Sucht zu verbergen und zu „schützen“. Als Angehöriger muss man als Stütze agieren und darf nicht weg sehen. Sollte sich der/die Betroffene distanzieren, gilt es, den Kontakt immer wieder neu zu suchen und aufrecht zu erhalten. Das klingt oft leichter, als es wirklich ist. Informieren Sie sich über Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe. Der Austausch mit Gleichgesinnten wirkt befreiend und hilft, die Hoffnung nicht zu verlieren.

 

Wie haben Sie gemerkt, dass Sie an Magersucht erkrankt waren?

 

Irgendwann kam ich an einen Punkt, wo ich einfach merkte, dass etwas nicht stimmen kann. Ich fühlte mich so leer und emotionslos. Gleichzeitig hatte ich unzählige körperliche Veränderungen – Gewichtsverlust, Kreislaufprobleme, ständiges Frieren, kein Lustempfinden mehr. Die Menschen in meiner Umgebung hatten mich zudem schon öfter darauf angesprochen. Als ich dann in einem Buch über die Symptome der Magersucht las, erkannte ich mich und meine Krankheit schlussendlich selbst.

 

Was war die schlimmste Situation in ihrer Zeit als Magersüchtige?

 

Es gab sehr viele schlimme Situationen. An einen der einsamsten Momente kann ich mich jedoch noch sehr gut erinnern: Es war an Silvester und ich war zu müde und schwach, um mich mit Freunden zu treffen. Abends holte mich meine Mutter zum Essen, aber ich rührte nichts an. Danach verkroch ich mich in meinem Zimmer. Um Mitternacht sah ich dann aus dem Fenster, sah die ganzen Lichter am Himmel tanzen, hörte freudige Menschen, die miteinander feierten. Ich stattdessen saß einsam und verlassen in meinem Zimmer, fror wie immer und hatte unendlichen Hunger. Ich war so tieftraurig und trotzdem konnte ich nicht eine Träne vergießen – ich war leer. Das war ein wirklich schlimmer Moment.

 

Was ist der Unterschied zwischen Bulimie und Magersucht?

 

Zuerst einmal müssen wir klären, was die beiden Essstörungen gemeinsam haben: Sie sind beide psychische Erkrankungen mit dem Wunsch der Selbstkontrolle, einhergehend mit großem Perfektionismus. Der Unterschied liegt in der Ausführung. Während Magersüchtige gar nichts oder fast nichts essen um abzunehmen, ernähren sich Bulimie erkrankte großteils normal und gesund – jedenfalls in der Öffentlichkeit. Jedoch kommt es immer häufiger zu „Fressattacken“, während derer, innerhalb kürzester Zeit, alles Mögliche gegessen wird, was sonst „verboten“ ist. Das schlechte Gewissen über dieses „Versagen“ treibt Betroffene dann immer wieder dazu, das gerade gegessene wieder zu Erbrechen. Das führt zu großen Versagensängsten und Ekel vor sich selbst. Bulimie Erkrankungen sind für Außenstehende schwerer zu erkennen, da viele Betroffene meist normalgewichtig sind und bleiben. Hilfe ist in beiden Fällen dringen erforderlich, da es sich um psychisch bedingte Süchte mit schweren gesundheitlichen Folgen handelt.

 

Was sollten Betroffene tun, wenn sie merken. dass Sie magersüchtig sind?

 

Betroffenen rate ich, sich als ersten Schritt einer nahestehenden Person anzuvertrauen und nach Hilfe zu suchen. Diese kann vielseitig sein: Ärzte, Beratungsstellen, Bücher, etc. Je besser man sich selbst über die Krankheit informiert, umso leichter findet man einen für sich passenden Weg der Genesung.

 

Wie groß ist die Angst, wieder magersüchtig zu werden?

 

Mittlerweile nicht mehr so groß. Meine Magersucht liegt nun bereits 10 Jahre zurück und in der Zwischenzeit ist viel passiert, was für mich einen Rückfall ausschließt. Ich bin heute zufrieden mit mir und meinem Leben, habe Selbstbewusstsein aufgebaut, das mir jahrelang gefehlt hat. Ich habe gelernt, dass ich selbst etwas Wert bin und ich mich nicht über Äußerlichkeiten oder Gewicht definieren muss. Gesundheit ist das wichtigste Gut im Leben! Nach meiner Krankheit habe ich mich weiterhin sehr viel mit Ernährung auseinander gesetzt und sogar meine Ausbildung in diese Richtung eingeschlagen. Das hat mir geholfen, wieder Normalität zu erlernen. Ich sehe heute Dinge anders als früher und bin froh, diesen Abschnitt meines Lebens abgeschlossen zu haben. Natürlich achte ich noch immer auf mein Gewicht und versuche, mich gesund zu ernähren, aber in einer normalen Art und Weise. Heute sage ich mir selbst: Lieber fünf Kilos zu viel und gesund, als nur ein Kilo zu wenig und krank. Meine Erinnerungen an die schwere Zeit, Fotos und Aufzeichnungen, sind mir Warnung genug, nie wieder in diesen Kreislauf zu geraten.

 

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben!

 

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