Magersucht (Anorexia nervosa)

Was ist Magersucht

Magersucht, medizinisch “Anorexia nervosa”, ist eine schwere psychosomatische Erkrankung, die sich primär in einer Essstörung zeigt. Hält diese Essstörung länger an, so treten diverse Folgeerkrankungen wie z.B. Zyklusstörungen, Herz– und Nierenerkrankungen, Stoffwechselstörungen (Blut, Hormone u.a.), Osteoporose, Zahnerkrankungen und Depressionen auf.

magersuchtDer Erkrankte weigert sich, Nahrung aufzunehmen und manche versuchen gleichzeitig, durch möglichst viel Bewegung Kalorien zu verbrauchen. Jede Gewichtszunahme, selbst das Halten von Gewicht, wird ALS persönliches Versagen empfunden. Jede Gewichtsabnahme wird positiv erlebt und der Erkrankte wertet dies als Zeichen außergewöhnlicher Selbstdisziplin. Um noch mehr Gewicht zu verlieren kann ein Missbrauch von abführenden und harntreibenden Medikamenten dazukommen.

Magersucht ist eine schwere Erkrankung, die oft erst sehr spät als solche erkannt wird. Da der Erkrankte selbst meist keine Krankheitseinsicht hat und sein Krankheitsbild geschickt vor der Außenwelt verbirgt, wird die Behandlung durch einen Arzt oft viel zu spät eingeleitet. Anorexia nervosa kann bei Nichtbehandlung im schlimmsten Fall tödlich enden. Die mögliche Todesursache kann verhungern sein, aber auch Selbsttötung oder Organversagen.

Mögliche Ursachen und Auslöser der Magersucht

Wie bei vielen Erkrankungen, besonders bei solchen, wo Körper und Psyche beteiligt sind, ist es sehr schwer, nur eine Ursache oder einen Auslöser für die Erkrankung zu benennen. Es ist in den meisten Fällen ein Zusammenspiel von mehreren Ursachen in mehreren Bereichen des Lebens:

Der gesellschaftliche Aspekt

Schlanke Menschen gelten als attraktiv, leistungsfähig, gesund usw. Sehr oft sind es junge Mädchen unter 20, die aufhören zu essen und manche fangen auch an, gleichzeitig exzessiv Sport zu betreiben (aber nicht alle). Sie wollen so schlank, schön und begehrt sein wie die Models auf den Hochglanzillustrierten.

Das Hungern erfordert ein hohes Maß an Disziplin. Auch hier ist eine Parallele zu der Leistungsgesellschaft zu erkennen, die den Menschen ein immer höheres Maß an Leistung und Disziplin abverlangt. Der an Magersucht Erkrankte empfindet große Befriedigung, wenn er genug Disziplin aufbringt, nicht zu essen und dadurch noch mehr Gewicht abzunehmen.

Der familiäre Aspekt

Eine mögliche Ursache für die Magersucht kann in den Gewohnheiten der Herkunftsfamilie liegen. Dort wird meist ein hoher Leistungsanspruch gestellt und großen Wert auf Ordnung und Disziplin gelegt. Der junge Mensch hat wenig Möglichkeiten, sich von den anderen Familienmitgliedern abzugrenzen, sein Leben selbst zu gestalten und selbst zu kontrollieren Also übernimmt er die Kontrolle über sein Essverhalten. Meist wird die Gewichtsabnahme vor den anderen Familienmitgliedern lange Zeit verheimlicht, in manchen Fällen wird die Essensverweigerung auch als Kontrollinstrument innerhalb der Familie eingesetzt.

Psychologischer Aspekt

Ein weiterer Auslöser ist in der körperlichen Entwicklung des jungen Menschen zu suchen. Es könnte sich um eine psychosexuelle Entwicklungskrise handeln, die der unbewussten Abwehr sexueller Wünsche dient. Da sich durch das extreme Hungern die sekundären Geschlechtsmerkmale nicht bilden oder zurückbilden, kann der kindliche Körper weiterhin behalten werden. Die sexuelle Reizwirkung des Körpers wird verringert und sexuelle Regungen, die oft angstbesetzt wahrgenommen werden, werden reduziert.

Biologischer Aspekt

Es gibt Überlegungen und Theorien, die auf genetische Faktoren oder einen gestörten Botenstoffwechsel als auslösende Faktoren hinweisen. Wissenschaftliche Studien, welche das belegen, sind aber noch ausständig. Kritiker sind der Meinung, dass die körperlichen Veränderungen eher die Folge und nicht die Ursache der Magersucht sein.

Symptome & Anzeichen einer Magersucht

Die Magersucht wird oft erst sehr spät erkannt, da der Betroffene selbst sich alle Mühe gibt, die Symptome wie Gewichtsabnahme, gestörtes Essverhalten, gestörte Körperwahrnehmung und das ständige Denken über Essen und Gewicht zu verheimlichen. Da der Betroffene selbst keine Krankheitseinsicht hat, wird er mögliche Symptome und Anzeichen nicht erkennen und vor allem nicht auf sich beziehen.

Innerhalb der Familie sollte man an eine mögliche Magersucht denken, wenn ein Mitglied auffällig oft gemeinsame Mahlzeiten meidet, lustlos im Essen herumstochert, behauptet er/sie habe schon gegessen usw. Natürlich ist die Gewichtsabnahme das gesundheitliche Hauptproblem. Die an Magersucht Erkrankten verstehen es aber sehr geschickt, das Problem lange zu verheimlichen, indem sie zum Beispiel mehrere Schichten Kleidung übereinander tragen.

Eine große Kälteempfindlichkeit (Frieren) kann auf eine vorliegende Magersucht hinweisen, sowie allgemeine Gesundheitsstörungen wie brüchige Fingernägel oder Haarausfall. Andrerseits kann man an Unterarmen, am Rücken und manchmal auch an den Wangen das Wachsen einer feinen, flaumartigen Behaarung, der Lanugobehaarung, feststellen.

Das Ausbleiben der Menstruationsblutung, Potenzprobleme, Schwindel und Kreislaufprobleme, Verstopfung, aber auch die missbräuchliche Verwendung von Abführmitteln und übermäßige sportliche Betätigungen können ebenfalls auf eine Magersucht hindeuten.

Durch den langanhaltenden Eiweißmangel kommt es zu Ödemen, das sind Wassereinlagerungen im Unterhautgewebe, welche besonders im Herzbereich zu massiven Beschwerden führen können. Ebenfalls auf den Eiweißmangel ist der Muskelabbau zurückzuführen, der trotz extremer sportlicher Betätigungen weiter fortschreitet.

Es wird in weiterer Folge zu einem Libido- und Potenzverlust kommen, die aber von den Betroffenen nicht unangenehm empfunden werden, da Sexualität oft angstbesetzt ist und abgelehnt wird.

Diagnose & Krankheitsverlauf der Magersucht

Als Kriterien für seine Diagnose wird der Arzt in erster Linie das Gewicht heranziehen. Da der BMI für Jugendliche unter 18 noch nicht gilt, werden spezielle Wachstums- und Gewichtskurven für Kinder und Jugendliche verwendet, in die Alter, Gewicht und Körpergröße eingegeben werden. So kann berechnet werden, ob das Normalgewicht um 15% oder mehr unterschritten wird, was auf eine Magersucht hindeuten kann.

Die absichtliche Gewichtsreduktion durch das Weglassen von fetten und hochkalorischen Speisen würde die Diagnose erhärten. Extreme sportliche Betätigung sowie der Missbrauch von Abführmitteln oder absichtliches Erbrechen können weitere Hinweise auf die Krankheit sein.

Auf der psychologischen Ebene stehen das Fehlen der Krankheitseinsicht und das ständige Denken an Nahrungsmittel und das eigene Gewicht im Vordergrund. Auch eine fast panische Angst, Gewicht zuzunehmen und auf der anderen Seite ein großer Stolz über Gewichtsreduzierung sind weitere Punkte zur Diagnosestellung. Die Wahrnehmung des eigenen Körpers wird stark verzerrt erlebt. Selbst extrem untergewichtige Personen haben von sich selbst den Eindruck, dass sie zu dick sind.

Der Krankheitsverlauf ist sehr unterschiedlich. Bei manchen Betroffenen verschwindet die Magersucht nach einer Episode, die vielleicht in einer belastenden Lebensphase ausgebrochen ist, nach einer gewissen Zeit von selbst. Aber das ist eher die Ausnahme.

Die Erkrankung kann wellenförmig verlaufen in einem ständigen Auf und Ab. Bei manchen verändert sich die Anorexia nervosa in eine Bulimia nervosa, welche mit Fressattacken und anschließendem Erbrechen einher geht. Bei manchen wird die Erkrankung chronisch, sie nehmen immer weiter ab, sind jahrelang stark untergewichtig, bis der Zustand lebensbedrohlich wird.

Durch die langanhaltende Mangelernährung und das Verwenden von Abführmitteln hat der Körper zu wenig von den lebensnotwendigen Elektrolyten wie z.B. Kalium oder Magnesium zur Verfügung. In weiterer Folge kommt es u.a. zu Herzrhythmusstörungen und Nierenschwäche.

Auf der psychischen Ebene können starke Depressionen zum Selbstmord führen.

Behandlung & Therapie der Magersucht

Die Behandlung der Magersucht setzt voraus, dass sich der Erkrankte überhaupt in Behandlung begibt. Da die Krankheitseinsicht kaum gegeben ist, ist es für Angehörige oft sehr schwer, den Erkrankten dazu zu überreden, sich helfen zu lassen. Ist dies geglückt, unterscheiden die Ärzte drei verschiedene Therapieansätze:

Notmaßnahme

Liegt bereits eine lebensbedrohende Situation vor – sei es durch starkes Untergewicht oder den Missbrauch von abführenden oder harntreibenden Mitteln so muss der Patient zuerst stabilisiert werden, um überhaupt eine längerfristige Therapie anwenden zu können. Oft geht es hier auch um Leben oder Tod des Erkrankten.

Stationärer Klinikaufenthalt

Besteht eine akute Gesundheitsgefährdung z.B. durch körperliche Probleme, Begleiterkrankungen oder psychischen Problemen wir Suizidgefahr oder Medikamentenabhängigkeit, wird ein stationärer Klinikaufenthalt notwendig sein. Zur Behandlung in der Klinik kann als Erstmaßnahme auch eine Zwangsernährung mittels Sonde gehören.
Manchmal wird die stationäre Aufnahme auch gewählt, um den Erkrankten aus seinem krankmachenden Umfeld herauszuholen.

Ambulante Psychotherapie

Ist der Krankheitsverlauf gerade nicht akut lebensbedrohend ist die Möglichkeit einer Psychotherapie ein weiteres Hilfsangebot für die Erkrankten. In Einzel- oder Gruppensitzungen kann über Probleme allgemein und die Krankheit im speziellen gesprochen werden und gemeinsam mit der Therapeutin, dem Therapeuten ein Heilungsansatz gefunden werden.

Langfristig ist eine Heilung oder Besserung der Magersucht durch spezielle Therapie-Angebote besonders zielführend, die aus einer Kombination von körperlicher Rekonvaleszenz, (Wieder)erlenen von „normalem“ Essverhalten und Psychotherapie bestehen.

Vorbeugung, um nicht (erneut) an Magersucht zu erkranken

Da die Auslöser und Ursachen der Magersucht so unterschiedlich sind wie die Betroffenen selbst ist es nur schwer möglich, allgemeine Hinweise zur Vorbeugung zu geben. Wichtig ist, innerhalb der Familie darauf zu achten, dass das Kind oder der junge Erwachsene nicht zu sehr unter Leistungsdruck gesetzt wird.

Das Kind sollte immer wissen, dass es um seiner selbst geliebt wird und nicht auf Grund seiner Leistung. Aufkommende Probleme dürfen nicht unter den Tisch gekehrt werden sondern sollen direkt an- und ausgesprochen werden. Im besten Fall lernt das Kind in der Familie gute Kommunikation und verschiedene Arten der positiven Konfliktlösung.

Ein starkes Selbstbewusstsein, gute Problemlösungsstrategien und ein positiver Zugang zum eigenen Körper sind gute Voraussetzungen, nicht an Magersucht zu erkranken.

Weitere Fragen zum Thema Magersucht

Wer erkrankt hauptsächlich an Magersucht?

Die größte Gruppe der Erkrankten sind junge Mädchen zwischen 12 und 24 Jahren. Von 10 Erkrankten sind durchschnittlich 9 Mädchen, bzw. junge Frauen und ein Mann. In Deutschland erkranken ungefähr 0,6 Prozent der Bevölkerung an Magersucht.

Gibt es überall auf der Welt Magersucht?

Die Magersucht tritt nur in Ländern auf, wo Nahrung im Überfluss vorhanden ist. In Armen Ländern gehört das Hungern zum alltäglichen Leben.

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