Interpretation

Die Interpretation ist ein kognitiver Prozess. als einer der Filter unserer Wahrnehmung sorgt sie dafür, dass Eindrücke und Situationen, die wir mit unseren Sinnen aufnehmen, in einen Kontext gebracht werden. Mit Hilfe des Interpretationsvermögens werden Schlussfolgerungen gezogen. Dies ist dabei abhängig von persönlicher Erfahrung, Wissen, der Fähigkeit, Reize richtig zuzuordnen und vielem mehr. Da die Interpretation einen massiven Einfluss auf die Wahrnehmung hat, spielt sie im Alltag eine große Rolle.

Was ist Interpretation?

Interpretation ist ein Prozess, der sich kognitiv abspielt. Die Interpretation ist dabei eng mit weiteren kognitiven Prozessen, wie zum Beispiel der Assoziation, verwoben. Sie ist in der Regel kein Prozess, den der Mensch aktiv initiieren muss, sondern findet ganz automatisch statt.
Ausgehend von Reizen, die das Gehirn über die Sinnesorgane erreichen, findet zuerst eine Zuordnung der Reize in einen Kontext statt. Die Reize werden also gedeutet und somit wird ihnen ein Sinn zugeschrieben. In welcher Form, wie zuverlässig oder wie nachvollziehbar für andere dies geschieht, ist dabei von einer Reihe Faktoren abhängig:

  • Bereits gewonnene Erfahrungen mit den empfangenen Reize
  • Eigenes Wissen im Kontext der Reize
  • Zwischenmenschliche Fähigkeiten wie Empathie
  • Eigenes Gemüt

Diese und weitere Faktoren bestimmen dabei, wie die Reize eingeordnet werden. Als nächstes erfolgt ein Versehen der Reize mit Bedeutung. Dies ist die eigentliche Interpretation, weil das Gehirn anhand einzelner Elemente eine Auslegung der gesamten Situation konstruiert.
Hat es sich dann also dafür entschieden, was die Auswirkungen und Bedeutungen der gerade empfangenen Reize sein können, fand eine Urteilsbildung statt. Dabei gibt es verschiedene Abstufungen, die am ehesten einer Schätzung oder auch einer sehr sicheren Prognose entsprechen können.
Am Beispiel eines Felsens, der einen Berg hinab rollt, soll dies verdeutlicht werden:
Wir sehen den Felsen in einiger Distanz und noch weit oben am Berg in Bewegung geraten. Entsprechend unseres Wissens um die Schwerkraft und aufgrund unserer Erfahrung mit ähnlichen Situationen, bleibt uns kaum eine andere Interpretation als diese, dass der Fels wohl bis zum Fußende des Berges rollen muss.
Dies wäre in den meisten Fällen ein logisches und empirisch begründbares Urteil. Dass dabei noch andere Faktoren unbekannt sein können – wie zum Beispiel die Stabilität des Felsens, der schließlich auch auf dem Weg zerfallen könnte – spielt in den meisten Fällen keine Rolle.
Sehr oft werden Interpretationen anhand von sehr prägnanten, klar zuordenbaren Elementen vom Gehirn getätigt. Das Urteil fällt dann entsprechend aus.
Sehr viel komplizierter wird die Feststellung der Zuverlässigkeit einer Interpretation, wenn man es mit Reizen zutun hat, deren gesamte Bedeutung auf recht willkürlichen und erlernten Regel fußt.

Interpretation im sozialen Miteinander

Wir Sprechen von Interpretation, wann immer wir meinen, dass etwas Auslegungssache sei. Dabei wird vom rein kognitiven und unterbewussten Prozess der Deutungsfindung anhand einzelner Reize die bewusste Interpretation von Dingen klar unterschieden. Bei diesen Dingen handelt es sich meist um Objekte, die aufgrund ihrer Machart (Kunst- und Kulturgüter, sehr menschliche funktionale Güter, usw.) nur eine Bedeutung und einen Sinn erlangen können, wenn der Betrachter überhaupt Elemente in ihnen finden kann, die für ihn zuordenbar und damit interpretierbar sind.
Eine Urteilsbildung findet also nicht akut statt, sondern wird über Reflexion und gegebenenfalls Diskussion über das Betrachtete angestrebt. Man kann also durchaus gezielt interpretieren wollen. Aber auch dies, was hierbei als Urteil herauskommt, ist natürlich individuell.
Als am Wichtigsten für das menschliche Miteinander hat sich allerdings die Interpretation von Sprache herausgestellt. Schließlich teilt sich der Mensch gerade verbal oftmals in einer Weise mit, die deutlich macht, dass er davon ausgeht, dass sein Erfahrungs- und Wissensstand mit dem des Gegenübers gleichzusetzen sei.
Dies führt oftmals dazu, dass eine Sprache, die dem eigenen Standpunkt entspricht, als die wahre Deutung empfunden wird. Die ausgesprochenen Worte enthalten deshalb oftmals nicht alle Informationen, die nötig sind, um sie so zu verstehen, wie der Sprecher sie meinte.
Deswegen ist es wichtig, Gehörtes interpretieren zu können. Dies geht über die bloße Deutung der Worte hinaus, indem zum Beispiel die Tonlage beachtet wird. Sie kann viel über die Dringlichkeit oder emotionale Komponente des Gesprochenen aussagen.

Auch kann anhand einzelner Worte eine Nebenbedeutung des Gesagten erschlossen werden. Gerade Menschen, zu denen man in einem engeren Kontakt steht, kann man derart kennenlernen, dass sie bestimmte Sprachmuster aufweisen. Man kann also lernen, auf diese Muster zu reagieren und nahezu instinktiv eine weitere Deutungsebene des Gehörten zu erschließen. Auch diese Prozesse finden häufig unterbewusst statt.
Auch ist die Interpretation einer Situation dahingehend möglich, dass Reize hinterfragt werden. Die ausgesendete und eindeutige Information (meist Sprache) kann schließlich auch mit den emotionalen Eindrücken nicht übereinstimmen. Ist dies der Fall, wird die Situation entsprechend interpretiert und man erhält zum Beispiel das Gefühl, dass einem etwas verborgen oder man aktiv belogen wird.
Insgesamt ergibt sich durch die individuelle Deutung aller Eindrücke bei jedem einzelnen Menschen immer das Dilemma, dass Dinge unterschiedlich wahrgenommen werden. Dies trägt seine Ursache in der Interpretation und lässt sich nicht verhindern.

Der eigene Standpunkt

Was der Mensch als seinen eigenen Standpunkt bezeichnet, ist ein Zusammenspiel aus Urteilen, Wissen, Erfahrungen und vor allem Interpretationen, die wir im Verlauf des Lebens angesammelt haben und weiter ansammeln.
Die Summe unserer Urteile über die Welt formt unser Denken und unser Denken formt maßgeblich unser Handeln.
Da aber Interpretation von Dingen meistens nicht als aktiver Prozess stattfindet, werden die Urteile, die die Interpretation unseres Gehirns erzeugt, widerstandslos – das heißt: oftmals ohne ein Hinterfragen derselben – übernommen. Daraus ergibt sich für den einzelnen oftmals, dass er annimmt, seine Wahrnehmung der Dinge entspräche dem tatsächlich Gewesenen. Dabei ist es für den eigenen Standpunkt unerheblich, dass:

  • Interpretation nachträglich die Erinnerung anpasst
  • Interpretation Informationen immer filtert
  • Die Interpretationswege unter Umständen nicht für jeden nachvollziehbar sind
  • Man selbst seine Interpretation der Dinge selten hinterfragt

Entsprechend bietet Interpretation mit seinen Konsequenzen für das Denken und Handeln eine Menge Konfliktpotenzial, wenn es darum geht, zu diskutieren, wie jemand etwas gemeint haben könnte oder wie sich etwas vermeintlich abgespielt haben mochte.
Insgesamt ist die Interpretation auf der reinen Sachebene (Felsen rollt Berg herunter) deshalb als zuverlässiger zu bewerten als die Interpretation von Dingen, die ihren Sinn ohnehin nur durch Interpretation gewinnen können.

Funktionen & Aufgaben von Interpretation

So ungenau und willkürlich die Interpretation zwischen Menschen auch sein mag, so wichtig ist sie doch, um die komplexen Möglichkeiten des menschlichen Ausdrucks überhaupt deuten zu können.
Schließlich hat man es bei Sprache und Symbolik vor allem mit Abstraktionen von konkreten Dingen zu tun. Die Zuordnung von Worten zu Dingen, Gefühlen, Situation, etc. stellt also bereits eine herausragende Interpretationsleistung dar.
Die Tatsache, dass wir aber auch fernab der reinen Wortebene auf anderen Ebenen Informationen erkennen und interpretieren können, liefert dem Menschen einen gewaltigen Vorteil in der Kommunikation, weil es ihm viele Spielräume gibt.
Die Kommunikation des Menschen geht durch Interpretation von Metaebenen also über den reinen Austausch von Informationen per Wort hinaus. Sie vermittelt gleichzeitig weitere Appelle, Emotionen und kann auch bewusst Spielräume zur Interpretation lassen.
Dahingehend ist die Fähigkeit zur Interpretation also eine beachtliche kognitive Leistung, die als geistige Fähigkeit erlernbar und ausbaufähig ist.
Ein Beispiel hierfür wäre zum Beispiel die Ironie. In Kulturen, in denen sie weit verbreitet ist, kann sie – nicht zuletzt durch ihre Anwendung in Literatur und Film – erlernt werden. Menschen, die allerdings nie mit Ironie in Kontakt kamen, können sie auch nicht dementsprechend interpretieren. Die eigentliche Bedeutung des Gehörten oder Betrachteten entgeht ihnen also, weil sie nicht wissen, wie Ironie interpretiert und entschlüsselt werden muss.

Zudem stellt Interpretation einen Filter dar, der Teil unserer selektiven Wahrnehmung ist. Da der Mensch nicht alle Reize, die ihn in jeder Sekunde erreichen, aufnehmen und verarbeiten kann, ist es zur besseren Orientierung vonnöten, diese Reize vorzusortieren.
Reize, die durch Interpretation ein Urteil erzeugen, dass uns sagt, aufmerksamer zu sein, haben dabei zum Beispiel eine erhöhte Priorität.
Während die Assoziation die Reize in einen Kontext bringt und deshalb mit weiteren Eindrücken und dem eigenen Wissen vernetzt, kann die Interpretation Schlussfolgerungen ziehen. Je nachdem, welche Schlussfolgerung das Gehirn zieht, gestaltet sich auch die Handlung. Bei vermeintlicher Gefahr erfolgen Fluchtreaktionen. Bei noch unzureichender Informationslage wird hingegen die Aufmerksamkeit gesteigert.

Beschwerden im Zusammenhang mit der Interpretation

Da es sich bei der Interpretation um einen kognitiven Prozess handelt, können Beschädigungen des zentralen Nervensystems oder auch der entsprechenden Hirnregionen zu einer Einschränkung der Interpretationsfähigkeit führen.
So können beschädigte Sinnesorgane Eindrücke fehlerhaft an das Gehirn übermitteln. Entsprechend fallen auch Interpretation und Urteilsbildung gestört aus und stellen eine Beeinträchtigung dar.
Liegt eine solche Beeinträchtigung vor, ist die gesamte Orientierung in der Umwelt gestört. Kommunikation und reflektiertes Handeln werden eingeschränkt oder unmöglich. Bei besonders schweren Fällen ist eine umfassende Betreuung der betroffenen Person nötig, weil sie sich nicht mehr selbst versorgen kann.

Einen großen Anteil an Schwierigkeiten mit der Interpretation haben allerdings Wahrnehmungsstörungen. Hierbei werden Interpretationen abwegig (in den Augen des sozialen Umfeldes) durchgeführt oder scheinen sämtlicher Logik zu entbehren.
Schließlich gibt es durchaus Dinge, die als nicht interpretierbar gelten. Hierunter fallen zum Beispiel Mathematik und Naturgesetze. Werden solche Axiome hinterfragt, ist davon auszugehen, dass eine Wahrnehmungsstörung vorliegt.
Ein abwegiges Interpretieren kann sich dabei in verschiedenen Formen äußern. Wahnvorstellungen, Manie und ein unlogischer, aber stur verteidigter Standpunkt seien hier als Beispiele genannt. Bei nicht allen Interpretationen, die schwierig nachzuvollziehen sind oder grob abwegig erscheinen, handelt es sich dabei um Störungen. Auch mangelndes Wissen, Sturheit oder Risikobereitschaft können Einfluss nehmen. Wenn aber die abwegige Interpretation der Umwelt auch in entsprechendem Verhalten mündet, handelt es sich um eine Wahrnehmungsstörung.
Ursächlich hierfür kann zum Beispiel sein:

Aber auch völlig fremde Sitten und erlernte Verhaltensmuster können als Handeln aufgrund von falscher Interpretation wahrgenommen werden. Dabei stellt die Zuschreibung, es handele sich beim Handelnden um denjenigen mit den Interpretationsproblemen, bereits die Interpretation dar.

Fragen & Antworten zur Interpretation

Was kann ich machen, damit andere meine Worte so interpretieren, wie ich sie gemeint habe?

Generell ist es in Gesprächen sinnvoll, davon auszugehen, dass die Gesprächspartner auch Unterschiede in ihren Wissensständen haben. Ein aufmerksamer Redner kann in der Mimik des Zuhörers durchaus sehen, ob die Worte überhaupt ohne große Schwierigkeiten verstanden werden. Stellt man verstärkte Unsicherheit fest, kann man verbal entsprechend nachbessern.
Schließlich beginnt Interpretation des Gesagten auf der reinen Wortebene. Ist sie eindeutig und verständlich, ist der erste Schritt getan.

Kann man lernen, seine Interpretation zu hinterfragen?
Natürlich. Meistens bemerkt man zwar nicht, dass man anhand einzelner Informationen interpretiert hat. Bemerkt man es aber doch, reicht es, sich darüber Gedanken zu machen. Sich selbst zu fragen, ob etwas so stimmen kann, wie man es gerade interpretiert hat, bewirkt oft Wunder.

Wie sollte man aktiv interpretieren?
Will man wirklich zu einem Urteil gelangen, das belastbar ist, ist es unumgänglich, Wissen um das Interpretierte zu sammeln. Fehlt dies, muss es erst eingeholt werden. Anschließend hinterfragt man das Betrachtete und ordnet es ein. Man kann es in seine Gedankenwelt einordnen oder auch in sein Weltbild.
Wenn man begründen kann, warum man etwas auf welche Weise interpretiert, ist dies schon gut. Vorgänge wie diese schulen gleichzeitig die Fähigkeit zur Diskussion und zum kritischen Denken.

Unser Fazit zur Interpretation

Da Interpretation ein Teil unserer Wahrnehmung ist, ist es wichtig, nachvollziehen zu können, wie sie funktioniert. Sich mit den Mechanismen der Interpretation vertraut zu machen, kann nämlich dabei helfen, sich selbst und andere Menschen besser zu verstehen und auch Konflikten vorzubeugen.

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