Sprechen

Das Sprechvermögen ist es, was den Menschen von den Tieren unterscheidet. Es ist eine einzigartige Form der Kommunikation. Mit der Sprache können menschliche Wesen sich ihre Gedanken, Gefühle und Erinnerungen gegenseitig mitteilen. Gleichzeitig bestimmt Sprache aber auch das Denken. Nur durch Begriffe kann der Mensch seine Umwelt verstehen und die Sprache ist es, die diese Begriffe liefert. Sie ist auch wichtig für gezieltes Handeln, die Koordinierung und Steuerung von Prozessen und für den Ausdruck menschlichen Emotionen.

Was ist Sprechen?

Auf der einen Seite kann man Sprechen rein technisch erklären. Es ist eine gezielte Bewegung der Lippen, der Zunge, des Gaumens um unter Mitwirkung der Zähne, des Kehlkopfes und der Stimmlippen bestimmte Laute zu bilden mit denen wir uns anderen mitteilen. Aber so einfach ist es nicht. Auch die meisten Tiere sind in der Lage Laute zu bilden und trotzdem sprechen sie im eigentlichen Sinn nicht. Denn zum Sprechen gehört eine Sprache, also feststehende Begriffe für Gegenstände, Prozesse und für die Befindlichkeit. Die Fähigkeit zur Sprache war in der Evolutionsgeschichte der entscheidende Vorteil der Menschen gegenüber allen anderen Lebewesen. Sie konnten viel detaillierter kommunizieren, sich viel besser abstimmen und waren so ihrer Umwelt überlegen.

Es gibt heute rund 7.000 unterschiedliche Sprachen auf der Welt. Jeder normal entwickelte Mensch spricht mindestens eine, manche auch mehrere und man kann auch fremde Sprachen verhältnismäßig leicht lernen. Die Hälfte aller Sprachen sind Regionalsprachen, die nur von verhältnismäßig wenigen Menschen, also Minderheiten in ihrem Staatsverbund gesprochen werden. Viele von ihnen werden vermutlich in 100 Jahren ausgestorben sein. Die Globalisierung bringt es mit sich, dass immer mehr Menschen von ihrer Minderheitensprache zu den offiziellen Amtssprachen wechseln. Das ist zu bedauern, weil dadurch auch die Traditionen und kulturellen Besonderheiten mit der Zeit in Vergessenheit geraden können.

Wie lernen Kinder sprechen ?

Schon ungeborene Kinder sind mit Sprache konfrontiert. Sie hören die Stimme der Mutter und anderer Bezugspersonen durch die Bauchdecke und stellen erste Bezüge her. Sind die Babys dann auf der Welt, kommen sie sehr schnell aus dem Stadium des Schreiens und Gurgelns zum Lallen und Brabbeln und machen meistens schon mit vier bis fünf Monaten erste Sprechversuche. Das Vor-sich-Hin-Brabbeln bedeutet nur, dass sie ihre Sprechwerkzeuge testen und sich auszudrücken versuchen. Wenn das auch noch keine wirkliche Sprache ist, verstehen Eltern, Geschwister und andere Bezugspersonen meist schon, was die Kleinen wollen. Im Durchschnitt beginnen Kleinkinder mit einem Jahr erste sinnvolle Worte zu sprechen und mit durchschnittlich vier Jahren kann fast jedes Kind flüssig sprechen. Kinder, die in mehrsprachiger Umgebung aufwachsen, schaffen es in dieser Zeit sogar, mehrere Sprachen zu beherrschen und bei Bedarf von einer zur anderen zu wechseln, besser als mancher Erwachsene.

Funktion und Aufgabe des Sprechens

Um sich die Funktion des Sprechens vorstellen zu können, muss man sich in die Steinzeit zurückversetzen. Damals lebten die frühen Menschen vor allem von der Jagd. Um hier erfolgreich zu sein, mussten sie interagieren, sich austauschen. Nur so waren sie erfolgreicher als ihre Beutetiere und konnten diese überlisten. Dieser Prozess verstärkte sich noch weiter, als sie begannen, Werkzeuge zu fertigen und zu nutzen, Kleidung herzustellen, Feuer zu machen.

Die Sprache erwies sich als der Kern erfolgreicher Kommunikation. Natürlich spielten und spielen auch die Körpersprache, die Gestik und die Mimik eine Rolle, aber für einen unmissverständlichen detaillierten Austausch muss der Mensch sprechen können. Anders könnte er zum Beispiel auch kaum Gefühle und Empfindungen ausdrücken. Auch für das soziale Miteinander ist Sprache unverzichtbar. Ohne das Sprechen könnte man Aufgaben nicht verteilen, nicht um Hilfe bitten, keine Dankbarkeit, keine Liebe zeigen.

Natürlich spielt die Sprache in der Evolutionsgeschichte auch eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Völkern, Stämmen und Sippen. Mit ihr grenzten sich die Menschen ab, erkannten, wer zu ihrer Gemeinschaft gehörte und wer nicht, wer „Freund“ oder „Feind“ war. Aus der Sprache speisten sich auch kulturelle Eigenarten, Traditionen, Religionen.

In vielen Fällen ist die Abgrenzung durch unterschiedliche Sprachen auch Grundlage für die Bildung heutiger Staaten. Sprechen ist demnach ein ausgrenzendes Element der menschlichen Kultur. Es kann aber auch das genaue Gegenteil sein. In der modernen Welt sprechen immer mehr Menschen neben ihrer Heimatsprache auch Fremdsprachen (in erster Linie Englisch), weil nur so die fortschreitende Globalisierung gemeistert werden kann. Die Weltsprache für Technik, Handel, Politik und Kultur sprechen über 900 Millionen Menschen, mehr als die Hälfte aller Internetseiten der Welt sind englisch verfasst, der gesamte elektronische Informations- und Kommunikationssektor ist stark englisch geprägt. Hier zeigt sich das inkludierende Element der Sprache.

Krankheiten und Beschwerden

Es gibt sehr unterschiedliche Formen von Sprechstörungen. Sie können physisch oder psychisch bedingt sein, im Kleinkindalter oder auch im Erwachsenen-Leben auftreten, vorübergehend oder dauerhaft sein. Die wichtigsten Arten von Sprechstörungen sind
die Redefluss-Störungen und die Störungen der Sprechmotorik.

Gestörter Redefluss und Störungen der Sprechmotorik äußern sich unter anderem in

– häufigem Stocken
– sinnlosen Redepausen
– der Wiederholung oder dem Auslassen von Worten und Lauten
– dem zu schnellen oder zu langsamen Sprechen
– dem teilweisen oder vollständigen Nichtsprechen

Das Stottern

Eine sehr häufig auftretende Redefluss-Störung ist das Stottern, auch als Balbuties bezeichnet. Dabei kommt es zu häufigen Unterbrechungen des Sprechablaufes durch Wiederholen von Wortteilen oder Worten, meist in bestimmten Situationen, in denen die Betroffenen gestresst und aufgeregt sind, oder sich in für sie unangenehmer Weise beobachtet fühlen. Bei manchen Stotterern kommt es auch zu wiederholten zwischengeschobenen Lauten oder zu hörbaren Blockaden im Redefluss.

Die Ursachen für das Stottern sind sehr vielfältig, Stottern beginnt meist schon in der Kindheit, in rund 90 Prozent aller Fälle vor dem 6.Lebensjahr. Ein großer Teil stotternder Kinder verliert die Sprechstörung entweder mit logopädischer Hilfe oder von selbst wieder. Menschen, die auch nach Abschluss der Pubertät noch stottern, haben keine so gute Prognose. Beim Erwachsenen ist das neuronale Grundstruktur des Sprechens schon so sehr geprägt, das grundlegende Änderungen kaum noch möglich sind.

Allerdings gibt es verschiedene Techniken und Tricks, mit denen das Stottern positiv beeinflusst werden kann. So weiß man zum Beispiel, das Stotterer beim Laut-Vorlesen oder Singen fast nie stottern und manchen Betroffenen klangvolleres rhytmisches Sprechen oder spezielle Atemtechniken helfen.

Vom Stottern abzugrenzen ist das Poltern. Auch hier handelt es sich um eine Störung des Redeflusses. Betroffene haben einen gestörten Sprech-Rhythmus, stocken beim Reden oder sprechen sehr schnell (verhaspeln sich). Viele verschlucken Silben, verwechseln Laute und versprechen sich sehr häufig.

Das psychogene Schweigen (Mutismus)

Von dieser Störung betroffene Menschen sprechen entweder über längere Zeiträume gar nicht oder nur in bestimmten Situationen nicht, obwohl bei ihnen keinerlei Erkrankungen oder Störungen der Sprechorgane vorliegen. Mutismus tritt häufiger im Kindesalter als bei Erwachsenen auf. Auch bei dieser Störung sind Ursachen und Auslöser vielfältig und teilweise noch gar nicht erforscht. Traumatische Erlebnisse, seelische Schocks, psychosoziale Störungen im Umfeld aber auch schwere Depressionen können für das teilweise und vollständige psychogene Schweigen verantwortlich sein, aber auch hirnorganische Ursachen oder genetische Faktoren können eine Rolle spielen. Die Störung stellt eine schwerwiegende Beeinträchtigung dar und sollte deshalb unbedingt behandelt werden. Die Therapieformen richten sich nach den Auslösern und sind meistens interdisziplinär.

Zu den Störungen der Sprechmotorik werden gezählt:

– Dysarthrien
– Dyslalien
– Dysglossien

Die Dysarthrie ist eine Störung des Sprechvermögens durch eine Gehirnschädigung. Betroffene können die notwendigen Sprechbewegungen gar nicht oder nur unzureichend ausführen, weil die dafür notwendige Motorik gestört ist. Wenn sie überhaupt nicht inm der Lage sind zu sprechen, spricht die Wissenschaft von Anarthrie als Sonderform der Dysarthrie. Dysarthrien werden häufig durch Hirnverletzungen, Schlaganfälle und durch Erkrankungen wie Parkinson, Chorea Major, Chorea Minor und Multiple Sklerose verursacht.

Dyslalien sind Störungen der Lautbildung wie zum Beispiel das Lispeln oder die Unmöglichkeit Zisch-Laute, R-Laute oder K-Laute richtig auszusprechen. Die Ursachen für diese Störung können in einer angeborenen oder erworbenen Fehlbildung der Sprechwerkzeuge wie zum Beispiel einer Lippen-Gaumenspalte oder Zahnfehlstellungen liegen. Sie können aber auch durch Schwerhörigkeit und durch falsche Vorbilder in der frühkindlichen Sprechlernphase entstehen. Nicht zu verwechseln ist die Dyslalie mit der Unfähigkeit mancher Fremdsprachler, Laute richtig zu bilden, die in ihrer Muttersprache überhaupt nicht vorkommen.

Dysglossien sind Aussprachestörungen, die durch organische Veränderungen der Sprechwerkzeuge entstehen. Dabei kann es sich um Unfallfolgen oder andere Traumata, um die Folgen von Operationen, aber auch um Erkrankungen wie Krebs, Muskelerkrankungen, Nervenerkrankungen und Kieferanomalien handeln. Der Übergang zwischen Dysglossien, Dyslalien und Dysarthrien ist oft fließend.

Fragen und Antworten zum Thema Sprechen und Sprechstörungen

Wie lernen Babys das Sprechen?

Eigentlich verläuft dieser Prozess ganz von selbst. Da ein Baby ja noch keine Sprache kennt, in der man ihm etwas erklären könnte, entschlüsselt es sich die einzelnen Töne selbst aus einem Wirrwar von Stimm-Geräuschen, die die Mitmenschen auf sie loslassen. Ganz gleich, um welche Sprache es sich handelt, alle sind aus 100 und 150 unterschiedliche Lauten aufgebaut. Aus ihnen einen Sinn, ein Muster zu erkennen, ist eine ungeheure Intelligenzleistung für so einen kleinen Menschen. Aber er vollbringt diese Leistung im allgemeinen sehr gut und auch sehr schnell.

Was kann man tun, um Babys das Sprechen lernen zu erleichtern?

Besonders wichtig ist es, möglichst viel mit dem Baby zu sprechen, dabei möglichst deutlich zu Artikulieren und auch die Mimik und Gestik mit einzusetzen. Auch die starke Betonung und häufige Wiederholung neuer Worte sind hilfreich. Man sollte aber auch bedenken, dass Babys ebenso viel lernen, wenn sie anderen Menschen zuhören, einfach dabei sind, wenn diese miteinander reden.

Ist Stottern auch eine Frage der Intelligenz?

Nein, Menschen die stottern, sind durchaus in der Lage sich auszudrücken und wissen im allgemeinen ganz genau, was sie sagen wollen. Bei ihnen ist nur der Sprechablauf gestört. Trotzdem müssen sie sehr häufig mit dem Vorurteil kämpfen, psychische Probleme zu haben. Natürlich ist es nicht immer ganz leicht, sich mit stark stotternden Menschen zu unterhalten, aber man sollte sich ihnen gegenüber auf keinen Fall abwertend verhalten.

Unser Fazit

Die wichtigsten Kommunikationsmittel der Menschheit sind Mimik, Gestik, Stimme, Sprechvermögen und Sprache. Wer aus physischen oder psychischen Gründen nicht oder nicht richtig sprechen kann, hat es schwer. Er ist auch in der heutigen Zeit in Gefahr, in vielen Bereichen des Lebens benachteiligt und isoliert zu sein. Deshalb ist es so wichtig, das Sprechvermögen so weit es geht zu fördern und Therapien zu entwickeln und anzubieten, die Sprech-Störungen bessern können.

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