Gerinnungsfaktoren

Auch bekannt als: 

Blutgerinnungsfaktoren, Gerinnungsfaktoren, Bezeichnungen mit der jeweiligen Faktornummer (Faktor I, Faktor II, etc.) oder dem jeweiligen Eigennamen (Fibrinogen, Prothrombin, etc.).
Bezeichnung: FII, FV, FVII, FVIII, FIX, FXI, FXII, FXIII
Ähnliche Tests: aPTT, pt, Fibrinogen


Auf einen Blick

Warum werden Gerinnungsfaktoren untersucht?

Zur Feststellung, ob ein oder mehrere Gerinnungsfaktoren in zu geringer Menge oder ungenügender Funktion vorhanden sind.

Bei welchen Erkrankungen sollten Gerinnungsfaktoren untersucht werden?

  • Bei ungeklärten oder verlängerten Blutungen, einer von der Norm abweichenden Prothrombinzeit (pt, Quick-Test) oder aktivierter partieller Thromboplastinzeit (aPTT)
  • Bei Angehörige von Betroffenen mit einem bekannten, vererbbaren Gerinnungsfaktorenmangel
  • Zur Überwachung des Behandlungserfolges bei Therapie eines Faktorenmangels.

Aus welchem Probenmaterial werden Tests auf Gerinnungsfaktoren durchgeführt?

Aus einer Blutprobe aus einer Armvene.


Das Probenmaterial

Was wird untersucht?

Gerinnungsfaktoren sind Proteine, die für die Gerinnung unbedingt benötigt werden.
Für die Blutstillung ist notwendig eine normale Gefäßwand, funktionieren Blutplättchen und ein funktionierendes plasmatisches Gerinnungssystem (Gerinnungsfaktoren).

Die Gerinnungsfaktoren werden zum größtenteils in der Leber produziert. Teilweise werden sie in anderen Organen (Blutgefäßwand, Blutplättchen) gespeichert und werden kontinuierlich und verstärkt nach einer Verletzung in die Blutbahn abgegeben. In der Blutbahn werden von den gespeicherten Faktoren durch die Einwirkung von Enzymen Aminosäuren abgespalten und somit der Faktor „aktiviert“, der aktivierte Faktor wirkt selber wiederum als Enzym kann so Gerinnungsfaktoren der Gerinnungskaskade aktivieren. Am Ende dieser Kaskade steht die Bildung von Thrombin, dass dann aus dem Fibrinogen das Fibrin bildet. Diese Fibrinfäden bilden Querverbindungen aus und bilden so ein Fibrinnetz, das die verletzte Stelle stabilisiert. Diese Schranke verhindert zusätzlichen Blutverlust und verbleibt bis zur Abheilung der Verletzung an Ort und Stelle. Wenn das Blutgerinnsel nicht länger benötigt wird, wird es durch bestimmte Proteine, die sog. fibrinolytischen Faktoren, abgebaut.

Vereinfacht dargestellt, startet die plasmatische Blutgerinnung mit der Freisetzung von Tissue Factor durch eine Gefäßverletzung und der Verbindung mit dem Faktor VII (FVII). Faktor VIIa (der aktivierte Faktor VII) aktiviert Faktor X und Faktor IX. Der aktivierte Faktor X (FXa) aktiviert Thrombin und bildet so zur Verstärkung der Faktor X-Wirkung den Faktor Va und Faktor VIIIa. Beim vollständigen Fehlen, Mangel oder einer Fehlfunktion von einem oder mehreren dieser Faktoren kann es zu Spontanblutungen und Störungen bei der Blutgerinnung kommen.

Der Mangel an Gerinnungsfaktoren kann mild oder schwerwiegend, permanent oder vorübergehend sowie erworben oder angeboren sein. Die ererbten Störungen sind selten und betreffen meist nur einen Faktor, der dabei zu gering, fehlerhaft oder gar nicht vorhanden sein kann. Die Hämophilien A ist das häufigste Beispiele für eine vererbte Erkrankung und wird durch einen X-chromosomal bedingten Mangel (das heißt das defekte Gen befindet sich auf dem X-Chromosom) an Faktor VIII verursacht, und tritt deshalb fast ausschließlich bei Männern auf (Frauen sind gewöhnlich asymptomatische Überträger). Andere vererbte Faktorenmangel, die nicht X-chromosomal sind, sind bei Frauen und Männern gleich häufig.

Die Schwere der Symptome, die von einem Patienten mit ererbtem Faktormangel wahrgenommen werden, hängt davon ab, welcher der Faktoren betroffen, in welcher Menge er vorhanden und inwiefern jener funktionstüchtig ist. Die Symptome können sich von Episode zu Episode unterscheiden, von einem verlängerten Nasenbluten bis hin zu schwerwiegenden wiederkehrenden Einblutungen in Gelenke oder Hirnblutungen. Auch wenn ein Patient keine Probleme bei einer kleinen Verletzung haben mag, kann eine Operation, eine Zahnbehandlung oder ein Trauma diese Patienten in eine schwere Blutungskrise stürzen. Bei Betroffenen mit einem schweren Faktormangel können die ersten Blutungen schon sehr früh nach Geburt auftreten, zum Beispiel kann es bei Knaben mit Faktor VIII-Mangel bei ihrer Beschneidung zu massiven Blutungen kommen. Andererseits kann bei Patienten mit mild ausgeprägter Blutungsstörung und geringen Symptomen die Erkrankung oft erst im Erwachsenenalter erkannt werden – zum Beispiel bei operativen Eingriffen, bei Verletzungen oder auch bei Routineuntersuchungen, die die Bestimmung der Globaltests der Gerinnung (pt/Quick-Test und aPTT) beinhalten.

Erworbene Verminderungen der Gerinnungsfaktoren können durch chronische Krankheitsbilder wie Lebererkrankungen oder Krebs, durch akute Gegebenheiten wie die DIC (disseminierte intravaskuläre Koagulation, die einen rapiden Umsatz an Gerinnungsfaktoren zur Folge hat) oder durch einen Vitamin K-Mangel (die Herstellung der Faktoren II,VII, IX und X erfordert Vitamin K) verursacht werden. Therapeutisch wird ein Vitamin-K Mangel durch blutverdünnende Medikamente (orale Antikoagulantien) wie Marcumar hervorgerufen. Erworbene Zustände betreffen oft mehrere Gerinnungsfaktoren betreffen.

Die Testdurchführung erfolgt meistens als Variante des Quicktests bzw. die aPTT, wobei die Probe sehr hoch verdünnt wird und so mögliche Störfaktoren des ursprünglichen Milieus (wie z.B. Heparin) minimiert werden können. Der Faktor XIII, der ja nicht mit dem Quicktest oder die aPTT erfasst werden kann, wird in der Regel mit chromogenem Substrat gemessen.

Wie wird das Probenmaterial für die Untersuchung gewonnen?
Das mit Citrat versetzte Blut wird zentrifugiert und die Untersuchung aus dem Citratplasma durchgeführt.


Der Test

Wie wird die Bestimmung von Gerinnungsfaktoren eingesetzt?

Die Einzeltestung der Gerinnungsfaktoren erfolgt gewöhnlich als Folgeuntersuchung nach einer pathologische Prothrombinzeit (Quick-Test) oder einer pathologischen aktivierten partiellen Thromboplastinzeit (aPTT). Diese Tests finden als Suchtests bei der Bestimmung, ob eine funktionierende Gerinnungskaskade vorliegt oder nicht, Anwendung. Der Quicktest erkennt Verminderungen der Faktoren II, V, VII und X (früher wurden diese Faktoren als der extrinsische Pfad bezeichnet) und die aPTT erkennt Verminderungen der Faktoren VIII, IX, XI und XII (früher als intrinsischen Pfad bezeichnet). Es ist zu beachten, dass der Faktor XIII nicht bei den Suchtesten untersucht wird und dass ein schwerer Faktor XIII-Mangel, der zu schweren verspäteten Nachblutungen führen kann, somit auch bei normaler aPTT und normalen Quicktest möglich sein kann.

Besonders wenn ein Mangel an mehreren Faktoren vorliegt, können zusätzliche Untersuchungen, die nach etwaigen zugrunde liegenden Erkrankungen für erworbene Störungen forschen, angefordert werden. Wenn ein vererbter Mangel vermutet wird, kann es sein, dass auch andere Familienmitglieder getestet werden, um die Diagnose des Betroffenen zu bestätigen und herauszufinden, ob womöglich auch andere Überträger dieser Erkrankung sind oder selbst an ihr leiden (bei asymptomatisch oder mild verlaufenden Formen).

Bei Patienten mit bekanntem Mangel wird vor allem eine Überprüfung der Gerinnungsfaktoren veranlasst werden, um die Erkrankung zu kontrollieren oder den Behandlungserfolg zu beurteilen. Bei erworbenen Erkrankungen sollten die Faktoren von Zeit zu Zeit überprüft werden, um herauszufinden, ob sich die Werte verschlechtert (weiter fortschreitende Erkrankung) haben oder aber ob sich aufgrund der Behandlung des zugrunde liegenden Problems verbessert haben.

Wann könnte die Bestimmung von Gerinnungsfaktoren sinnvoll sein?
Tests der Gerinnungsfaktoren werden bei verlängerter pt/Quick-Test oder aPTT und/oder nach einer übermäßigen Blutung oder Hämatombildung (Blaue Flecken) angefordert. Die Patienten können bei Verdacht auf einen erworbenen Zustand, der eine Blutung verursachen kann, wie DIC, schwangerschaftsbedingter Eklampsie, Lebererkrankungen oder Vitamin K-Mangel, untersucht werden.

Die Untersuchung der Faktoren ist auch sinnvoll bei Verdacht auf einen ererbten Faktormangel, besonders bei einem frühen Beginn der Blutungsepisoden oder wenn nahe Verwandte an einem vererbten Faktormangel leiden, durchgeführt werden.

Was bedeutet das Testergebnis?
Niedrige Konzentrationen bzw. Faktorenaktivitäten von einem oder mehreren Gerinnungsfaktoren bedeuten immer eine unzureichende Gerinnungsfähigkeit. Für eine normale Gerinnung muss jeder der Gerinnungsfaktoren in ausreichender Menge vorhanden sein, der Spiegel aber unterscheidet sich für die einzelnen Faktoren. Die Ergebnisse werden normalerweise als Prozentsatz der Aktivität bei gesunden Personen („Normalpersonen) (die gleich 100% angenommen wird) angegeben, zum Beispiel als ein Faktor VIII, der 60% der Norm erreicht.

Zu Beginn der Faktoruntersuchung erfolgt die Auswertung der pt- (extrinsischer Weg) und der aPTT- (intrinsischer Weg) Bestimmung:

  • Bei abweichender aPTT und normaler pt kann ein Mangel der Faktoren VIII, IX, XI oder XII vorliegen.
  • Bei normaler aPTT und verlängerter pt kann es sich um einen Mangel an I, II, V, VII oder X handeln.
  • Wenn sowohl pt als auch aPTT von der Norm abweichen, kann ein Mangel im gemeinsamen Pfad oder an mehreren Faktoren vorliegen.

Erhöhte Werte für mehrere Faktoren finden sich in Zuständen von akuten Erkrankungen, Stress oder Entzündung. Sie werden im Allgemeinen nicht mit bestimmten Krankheitsbildern in Verbindung gebracht, obwohl sie in einigen Fällen (wie beim erhöhtem Fibrinogen) das Risiko, eine Thrombose (Blutgerinnsel) zu entwickeln, erhöhen können.

In der Regel wird die Aktivität, d.h. die Funktion der Gerinnungsfaktoren gemessen. Möglich ist auch eine Messung der Konzentration. Die Unterscheidung, ob zu wenig oder aber eine abnorme Funktion vorliegt, spielt in der Routine nur bei extremen Mangelzuständen eine Rolle.

Normale Konzentrationen an Gerinnungsfaktoren bzw. eine normale Aktivität Sprechen gewöhnlich für eine normale Gerinnungsfunktion. Eine normale Menge der Faktoren, aber niedrige Aktivität kann auf eine Fehlfunktion der Faktoren hindeuten.

Ist mehr als ein Faktor erniedrigt, handelt es sich gewöhnlich um einen erworbenen Zustand. Faktoren können aufgrund von DIC, Lebererkrankungen, Urämie, einigen Krebsarten, Knochenmarkstörungen, Kontakt mit Schlangengift, einem Vitamin K-Mangel, antikoagulativer Therapie oder einer versehentlichen Einnahme von Marcumar erniedrigt sein.

Gibt es weiteres, das ich wissen sollte?
Sowohl bei den erworbenen als auch bei den ererbten Faktormangelerkrankungen, kann der jeweilige fehlende Faktor nach seiner Identifizierung ersetzt werden. Dies kann durch die Gabe von Fresh Frozen „normalem“ Plasma, das alle der fehlenden Faktoren enthält, mit einem Kyropräzipitatkonzentrat, mit aus Plasma isolierten Gerinnungsfaktoren oder rekombinant hergestellten Faktoren (der Faktor VIII ist kommerziell erhältlich) oder mit medikamentöser Therapie wie mit Desmopressinazetat (DDAVP), das den Körper anregt mehr Faktor VIII freizusetzen, erreicht werden. Diese Behandlungen können während Blutungsepisoden und auch als zeitlich begrenzte Vorsorgemaßnahme, um vor einer überschiessenden Blutung z.B. während einer anstehenden Operation oder einer Zahnbehandlung zu schützen, eingesetzt werden. Diese Therapien sind sehr aufwändig und sollten Ärzten vorbehalten sein, die damit eine besondere Erfahrung haben.

Für die Untersuchung der Gerinnungsfaktoren sind die korrekte Probengewinnung und der zeitliche Ablauf äußerst wichtig. Einige der Faktoren sind sehr labil, das bedeutet, dass sich ihre Konzentration in der Blutprobe in kurzer Zeit verringert und somit fälschlicherweise die Diagnose eines Faktorenmangels gestellt würde.


Hinweise & Störungen

Stabilität und Probentransport

Möglichst atraumatische Venenpunktion, Citratblut sofort zentrifugieren. Korrekte Zentrifugationsbedingungen (DIN 58 905) beachten. Falls die Bestimmung nicht sofort erfolgen kann, muss das Plasma unverzüglich eingefroren werden. Versand des Plasmas nur im gefrorenen Zustand. Eine Lagerung des Untersuchungsmaterials bei Kühlschranktemperatur hat zu unterbleiben, da es dabei zur Kälteaktivierung kommen kann.

Die Stabilität der Faktoren im Plasma bei Raumtemperatur ist wie folgt:

Faktor II 6 h
Faktor V 6 h
Faktor VII 6 h
Faktor VIII 3 h
Faktor IX 6 h
Faktor X 6 h
Faktor XII 6 h
Faktor XIII 4 h

Referenzbereich

Als Anhaltspunkt gelten für die Faktoren II, V, VII, IX, X, XI jeweils Aktivitäten zwischen ca. 70 und 120 %, bei den Faktoren VIII und XII Aktivitäten zwischen ca. 70 und 150 % und beim Faktor XIII 70-140%. Beachten Sie laborspezifische Referenzbereiche. Bei Neugeborenen und Säuglingen sind altersabhängige Bereiche zu beachten.

Störfaktoren und Hinweise auf Besonderheiten
Die Faktor XIII Bestimmung kann durch hohe Ammoniakkonzentrationen gestört werden. Bei sehr hohen Konzentrationen von Heparin, Autoantikörper gegen Blutgerinnungsfaktoren und Fibrin(ogen)spaltprodukten können falsch erniedrigte Aktivitäten der Faktoren gefunden werden. Insbesondere beim Faktor VII und Faktor VIII kommt es bei Lagerung des Plasmas im Kühlschrank zu einer Kälteaktivierung und so zu falsch hohen Aktivitäten. Aufgrund der notwendigen hohen Verdünnung der Probe, der Schwankungen der Aktivitäten im Patienten von Tag zu Tag und die Einflüsse durch die Blutentnahme ist die Reproduzierbarkeit der Messungen zwangsläufig relativ schlecht.

Richtlinien zur Qualitätskontrolle
Die Einzelfaktoren sind nicht RiliBÄk-pflichtig, wohl aber die aPTT und die pt/Quick-Test. Für die PTT und die pt/Quick Bestimmung muß daher die Qualitätskontrolle entsprechend der Richtlinien der Bundesärztekammer (RILIBÄK) durchgeführt werden, die Teilnahme an externen Ringversuchen ist Pflicht.
Kommerzielle Kontrollplasmen für die interne Qualitätskontrollen sind verfügbar.


Häufige Fragen

1. Was ist der von Willebrand- Faktor? 

Der von Willebrand-Faktor tritt im Blut mit dem Faktor VIII auf. Er ist dafür verantwortlich, dass die Plättchen sich an die verletzte Gefäßwand anlagern und aneinander binden (Aggregation – erforderlich für eine normale Gerinnselbildung). Ein Mangel an von Willebrand-Faktor kann die Willebrand’sche Erkrankung, eine relativ häufige vererbte Blutungsstörung, und einen sekundären Abfall an Faktor VIII verursachen. Obwohl der von Willebrand-Faktor zusammen mit anderen Gerinnungsfaktoren bei Verdacht auf ererbten Faktormangel angefordert werden kann, wird er gesondert betrachtet, da er mit den Plättchen und nicht mit der klassischen Gerinnungskaskade in Verbindung steht.

2. Warum sind manche vererbten Blutungsstörungen schwerwiegender als andere?
Der Schweregrad der Blutungsstörung hängt sowohl vom jeweiligen Patienten ab – wie niedrig seine Faktorkonzentration und in ob die Funktion des Faktors normal ist- als auch davon, welcher Faktor betroffen ist. Patienten mit einem vollständigen Fehlen oder einer eine sehr geringen Aktivität eines Gerinnungsfaktors werden an einer ausgeprägteren Version der Erkrankung leiden.

Ein Faktor XII-Mangel führt zwar zu einer verlängerten aPTT, ist aber nicht mit einer Blutungsneigung verbunden.

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