Sensorische Integration

Jedem von uns kommt es völlig selbstverständlich vor einen Apfel aus einer Schale zu nehmen um diesen dann zu essen. Doch selbst dafür muss unser Körper ein exakt koordiniertes Zusammenspiel unserer Sinne erbringen.
Die Sensorische Integration, bezeichnet einen neurologischen Prozess der dazu notwendig ist. Er verarbeitet, vereinfacht gesagt, unsere Wahrnehmung von uns selbst und der uns umgebenden Umwelt. In diesem Prozess werden verschiedene durch unsere Sinne und Rezeptoren gewonnene Informationen bewältigt. Doch wie funktioniert diese Verarbeitung und welche Informationen sind gemeint?
Was passiert wenn die sensorische Integration gestört ist? Diese und einige weitere Fragen werden in Folgendem beantwortet.

 


Was ist die sensorische Integration?

 

Ein Mensch nimmt seine Umwelt durch verschiedene Eindrücke wahr. Nur um den besagten Apfel zu essen nutzt er mehrere Sinne gleichzeitig. Dies geschieht nicht nur durch das Sehen, Hören, Riechen und Schmecken sondern ebenfalls über das taktile System.
Doch nicht ausschließlich die eben genannten Reize werden von unserem Gehirn wahrgenommen sondern ebenso unsere Bewegung, Körperhaltung sowie die Schwerkraft. Diese Wahrnehmung entsteht durch das vestibuläre und propriozeptive System, welche für unseren Gleichgewichtssinn und für das Gefühl unserer Bewegung im Raum verantwortlich sind.

 

Alle von uns erfassten Informationen werden durch Rezeptoren aufgenommen. Dies sind spezielle Zellen, welche im Stande sind chemische sowie physikalische Reize nicht nur aus der Umwelt sondern auch aus dem Inneren des Körpers aufzunehmen. Diese Informationen werden über die Nervenbahnen in unterschiedliche Bereiche des Hirns weitergeleitet. Dabei wird der Großteil der erfassten Informationen subkortikal, das bedeutet unterhalb der Großhirnrinde, nach und nach unterbewusst verarbeitet.

 

Würde nun aber unser Gehirn alle Informationen, die durch unsere Sinnesorgane unsortiert aufgenommen werden, bewusst verarbeiten wollen, wäre unsere Leistung stark beeinträchtigt. Daher bedarf es einer Filterung und Zusammenfassung bestimmter erfasster Informationen.
So findet zwischen der Aufnahme der Reize durch die Sinnesorgane und dem tatsächlichen Erkennungsprozess im Gehirn eine komplexe Sortierung statt, die mehrere perzeptive Schritte umfasst. Dazu zählt die sensorische Integration die vereinfacht als Wahrnehmungsverarbeitung gesehen werden kann.

 


Sensorische Integration in der Kindesentwicklung

Die Sensorische Integration ist von großer Relevanz wenn es um die Entwicklung eines Kindes geht. Bereits im Säuglingsalter beginnt das Kind Erfahrungen zu sammeln und zu speichern, welche es dann wiederum verwendet um neue Dinge zu erlernen. Dies geschieht durch die Tatsache, dass sich mittels der neu erlernten Informationen auch neue Verknüpfungen des Nervengeflechts im Gehirn bilden und somit immer mehr Raum für Erlerntes geboten wird.
Dieser vervielfältigende Vorgang betrifft nicht nur die sprachlichen, geistigen und emotionalen Bereiche sondern auch die Motorik.

Ob die Funktionalität der sensorischen Integration gestört ist kann schon sehr früh beobachtet werden. Unter anderem sind folgende Punkte relevant:

 

  • Spiel- und Bewegungsverhalten
  • alltägliche Handlungskompetenz
  • Ausdauer und Aufmerksamkeitsspanne sowie Intensität
  • mangelndes Selbst- und Körperbewusstsein
  • verzögerte Sprachentwicklung
  • Anpassungsschwierigkeiten an neue Situationen
  • Hyper- oder Hypoaktivität

Bei Kindern mit einer sensorischen Integrationsstörung sind oft keine auffälligen neurologischen Funktionsverluste erkennbar, daher wird zunächst auf die o.g. Symptome verwiesen.

 


Funktion und Aufgabe der sensorischen Integration

 

Die Hauptaufgabe der sensorischen Integration ist es dem Menschen ein situationsbezogenes Gesamtbild von sich und der Umwelt zu vermitteln um eine adäquate Handlung ausführen zu können. Besonders wichtig zu unterscheiden sind hierbei zwei Komponenten der Wahnehmung:

 

  • Interozeption
  • Exterozeption

Unter Interozeption versteht man die Wahrnehmung welche nicht durch die Außenwelt sondern ausschließlich durch das Körperinnere bereitgestellt wird.
Bei dieser Art der Wahrnehmung unterscheidet man noch einmal zwischen der Viszerozeption und der Propriozeption. Dabei ist die Propriozeption für die kinästhetische Wahrnehmung zuständig, also für eigene Bewegung und die Körperlage im Raum, während sich die Viszerozeption ausschließlich mit der Wahrnehmung der Organe befasst. Dazu zählen zum Beispiel Atmung, Herzfrequenz oder auch die Muskeln.

 

Die Exterozeption hingegen ist für die Wahrnehmung außerhalb des Körpers zuständig.
Sie beinhaltet nicht nur Mechanorezeptoren, Schmerzwahnehmung und das Erfassen von Wärme und Kälte sondern ebenso die Verarbeitung aller olfaktiven, akustischen, gustativen und optischen Reize.

Beispiel zur Verdeutlichung

Ein gutes Beispiel für das Zusammenspiel im menschlichen Körper bietet unser anhand der wahrgenommenen Schwerkraft ausgeprägte Gleichgewichtssinn. Dieser dient nicht nur der körperlichen Orientierung im Raum sondern auch der Anpassung der Körperhaltung. Der Gleichgewichtssinn ergibt sich aus mehreren verknüpften Informationslieferanten welche sich wie folgt zusammensetzen:

 

  • vestibuläre Informationen (Innenohr)
  • visuelle Informationen (Auge)
  • Tastsinn (Haut)
  • Tiefensensibilität (Körperinneres)
  • Muskulatur des Skeletts (bei Körperdrehungen)
  • Gesäß (bei vertikaler Beschleunigung)

Um das Gleichgewicht zu halten muss der Körper immer und immer wieder die Umgebung erfassen und die Körperhaltung daran anpassen. Dabei vernimmt er die Gravitation durch das im Ohr befindliche Gleichgewichtsorgan. Ebenso werden die Reize aus Muskeln und Sehnen weitergegeben. Diese Informationen gehören zur Interozeption. Weiterhin wird das visuelle System verwendet um die Raumlage zu vernehmen. Dazu gehört auch die Zuordnung von oben und unten. Dieser Teil der Wahrnehmung zählt zur oben erklärten Exterozeption. Durch die Aufnahme und Verknüpfung dieser und weiterer Informationen (Integration), ist es dem Körper nun möglich weisende Benachrichtigungen an die Arm– und Beinmuskulatur weiterzuleiten, um die aktuelle Haltungsposition zu prüfen oder bei Bedarf zu korrigieren, um den Körper korrekt zum Raum auszurichten. Durch die Komplexität des Vorgangs bedarf die sensorische Integration eines hohen Maßes an Konzentrations- und Handlungsfähigkeit.

 

Ein weiteres einfaches Beispiel aus dem Alltag, stellt das Schreiben dar. Hierbei steuert die visuelle sowie taktile Wahrnehmung mit Hilfe der Integration die Bewegung der Hand. Dabei dienen die Hautrezeptoren und die propriozeptiven Sehnen- und Muskelrezeptoren als Lieferanten für die benötigten Anweisungen der Handbewegung beim Schreiben.

 

So spielt die sensorische Integration in jedem Augenblick unseres Alltags eine wichtige Rolle. Denn ausschließlich durch die geordnete und verknüpfte Wahrnehmung sind wir im Stande unseren Körper gezielt zu koordinieren.

 


Krankheiten und Beschwerden

 

Zum ersten mal wurde die Störung der Sinnesverarbeitung von Anna Jean Ayres festgehalten. Sie beschreibt bereits Mitte des 20.Jahrhunderts, dass Betroffene eine verminderte Fähigkeit aufweisen, sensorische Informationen zu verknüpfen und zu organisieren. Dabei ist es ihnen nicht möglich adäquate Reaktionen auf die situative Umwelt auszuführen.

 

Die Störungen der sensorischen Integration, auch als SI-Dysfunktionen bekannt, lassen sich in drei verschiedene Bereiche unterteilen:

 

  • Störung der Modulation sensorischer Signale
  • Sensomotorische Störung
  • Sensorische Diskriminierung

Störung der Modulation sensorischer Signale

 

Die Modulation sensorischer Signale ist ein komplexer Prozess im zentralen Nervensystem. Bei diesem Prozess werden neuronale Informationen bezüglich Intensität, Dauer und der Tatsache ob die Information neu ist oder nicht, angepasst.
Eine Störung dieses Prozesses kann durch verschiedene Ursachen entstehen.

 

Der erste und häufigste Grund ist die Reizüberflutung, diese entsteht durch die Tatsache, dass der Körper so vielen Reizen gleichzeitig ausgesetzt wird, dass er nicht mehr im Stande ist diese zu verarbeiten. Reizüberflutung kann nicht nur zu Stress und aggressiven Handlungen führen sondern auch stark ermüden. Wenn die Reizüberflutung zu lange anhält, kann es zu Realtitätsverlust, Hyperaktivität oder langfristigen Problemen mit der Konzentration kommen. Im Besonderen reagieren Menschen mit Autismus, adhs und Schizophrenie sehr extrem auf eine Reizüberflutung.

Weitere Ursachen für die Störung der Modulation sind eine zu schwache Reaktion auf die gelieferten Reize oder aber der mangelnde Impuls sensorische Reize wahrzunehmen.

Symptome

Bei Menschen, mit auftretender Reizüberflutung:

 

  • Lebenseinschränkende Abneigung gegen Lebensmittel, Materialien oder Stoffen aus dem alltäglichen Leben
  • Vermeidung öffentlicher Orte oder Versammlungen aufgrund der dort gegebenen Lautstärke
  • ausgeprägte Reisekrankheit, die das Betreten von Fahrzeugen nahezu unmöglich macht
  • kaum vorhandener Körperkontakt aufgrund Übersensibilität bei Hautkontakt
  • Unbehaglichkeit oder Bedrohungsgefühl durch alltägliche Geräusche, Gerüche oder Geschmäcke
  • Schlafstörungen ausgehend von dauerndem Aufwachen durch die leisesten Geräusche

Bei Menschen, mit zu geringer Reaktion auf eingehende Reize:

 

  • Schwierigkeiten aufzuwachen und wach zu werden
  • Unaufmerksam und Abwesend wirken
  • wenig ausgeprägte Wahrnehmung des Schmerzes
  • Nichtreaktion beim Angeprochen werden, Eindruck von Taubheit
  • kein Gefühl sich eingemacht zu haben bei Kindern im Wickelalter

Sensomotorische Störung

 

Sensomotorik beschreibt die Verknüpfung aus Sinnesreizen und Muskelreaktionen. Kommt es bei diesen Verknüpfungen zu Fehlern, wird das als Sensomotorische Störung bezeichnet. Die Störung bezieht sich auf Bereiche der Bewegungsfähigkeit, der Geschwindigkeit sowie der Geschicklichkeit und der Haltung des Körpers.
Die Entwicklung der Sensomotorik kommt jedoch nicht nur im Kindesalter vor sondern ebenfalls bei Erwachsenen die im Begriff sind eine neue Fertigkeit zu erlernen, wie zum Beispiel handwerkliche Dinge oder Sportarten.

Die Störungen können mitunter durch Morbus Parkinson, Schlaganfälle, Hirnblutungen oder andere neurologische Erkrankungen ausgelöst werden.

Symptome

  • langsam und wenig koordiniert ausgeführte Bewegungen
  • Ungeschick und Schwierigkeiten bei der Feinmotorik (z.B. schlechte Handschrift)
  • Schwierigkeiten im grobmotorischen Bereich
  • verkehrte Körperhaltung und mangelnde Richtungskorrektur
  • verzögertes Erlernen von Stehen und Laufen bei Kleinkindern

Sensorische Diskriminierung

 

Die sensorische Diskriminierung erstreckt sich über alle sensorisch erfassten Informationen welche das Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten betreffen. Kommt es bei der Aufnahme und Verarbeitung dieser Informationen zu Fehlern, wird von einer sensorischen Diskriminierung gesprochen. Diese Störung kann sich auf verschiedene Bereiche des Lebens auswirken. Dazu gehört zum Beispiel die Leistung in der Schule oder die mangelnde Fähigkeit sich selbst in der Schule oder im Beruf zu organisieren.

Symptome

  • häufiges fallen lassen von Gegenständen
  • schlechte Feinmotorik
  • Schwierigkeiten bei der Essensaufnahme
  • Überforderung beim Ankleiden
  • schlechte Einschätzung von benötigten Druck bei der Nutzung von Gegenständen

Fragen und Antworten zur sensorischen Integration

 

Was sind die Ursachen für die Störungen der sensorischen Integration?

 

Die Ursachen für eine Störung können in verschiedenen Bereichen liegen. Aufgrund der Tatsache, dass Störungen sowohl bei Kindern mit, als auch bei Kindern ohne Hirnschädigungen auftreten, zeigt auf, dass die Gründe dafür nicht nur im körperlichen Bereich liegen sondern ebenso einen umweltbedingten Einfluss haben müssen. Dazu zählt ein Defizit an Möglichkeiten, sensorische Erfahrungen im Kindesalter zu sammeln oder auszuweiten. Dieses Defizit entsteht wenn Kinder zu wenig Bewegung, Körperkontakt oder Konfrontation mit neuen Reizen (Materialien, Stoffen usw.) erfahren.
Doch auch durch eine gegebene Überstimulation kann eine Störung hervorgerufen werden.

 

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

 

Viele Ergotherapeuten bieten die sogenannte sensorische Integrationstherapie an. Deren Hauptanliegen es ist, den Patienten in den gestörten Bereichen zu fördern. Durch das sammeln neuer Reize die individuell an den Entwicklungsstand des Patienten angepasst sind fällt es ihnen leichter diese sinnvoll zu verarbeiten. Dadurch werden nach und nach die neurologischen Funktionen verbessert. Die Bereiche, welche von der Integrationstherapie einbezogen werden sind Eigen- und Tiefenwahrnehmung, HandAugen-Koordination, räumliche Körperwahrnehmung und Ausrichtung, Bewegungskoordination, sowie Selbständigkeit, Sprache, Kommunikation und soziale Kompetenz.

 

Was passiert wenn ich den Verdacht habe, dass mein Kind unter einer SI-Dysfunktion leidet?

 

Normalerweise fällt das ungewöhnliche Verhalten der Kinder zunächst den Eltern im Alltag oder dem Kinderarzt bei einer Vorsorgeuntersuchung auf. Doch auch Kindergärtner/innen beobachten die Entwicklung der Kinder aufmerksam und können ungewöhnliches Verhalten bei den Eltern ansprechen.

Wenn sich die Diagnose der sensorischen Integrationsstörung nach Abklärung mit dem Arzt bestätigen sollte, benötigt das Kind ergotherapeutische Maßnahmen.
Die gewählte Ergotherapeutin wird dann anhand klinischer Beobachtungen, Fragebogen für Eltern und spezieller Testverfahren ermitteln welche Bereiche der Förderung bedürfen. Nach diesem diagnostischen Verfahren werden gemeinsam mit den Eltern individuelle Behandlungsziele festgelegt.

 


Unser Fazit zum Thema sensorische Integration

 

Da die sensorische Integration nicht nur im Kindesalter sondern unser Leben lang eine sehr wichtige Rolle spielt, sollten wir stets dafür Sorgen die Welt täglich mit all unseren Sinnen zu erkunden und zu erforschen. Nehmen Sie sich Zeit Neues zu erleben, denn das sollte einen ebenso hohen Stellenwert haben, wie es der geregelte Alltag für uns hat. So bleibt die Entwicklung unserer Wahrnehmung ständig bestehen.

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