Scham

Scham ist ein Gefühl mit vielen verschiedenen Facetten. Ein Mensch der Scham empfindet, nimmt einen Teil von sich wahr, den er/sie lieber vor anderen verbergen würde, der nicht in der Öffentlichkeit gezeigt werden soll. Dieses Gefühl und dieser körperliche Zustand, kann viele Gründe haben und im Körper selbst finden viele verschiedene Dinge gleichzeitig statt. Das Herz klopft, das Gesicht wird rot, der Kopf wird gesenkt, man duckt sich oder spricht nur noch leise. Dabei kann die Intensität der Ausprägungen ganz unterschiedlich ausfallen.

 

Was ist Scham?

Scham ist ein ganz natürliches Gefühl, genauso wie Liebe, Wut oder Trauer. Wer sich schämt, empfindet etwas das man sieht oder hört als entwertend, entehrend oder sozial unangemessen/unangepasst. Oder man erlebt diese Gefühle der sozialen Ausgrenzung und Würdelosigkeit selbst, entweder durch die Darstellung der körperlichen Intimität (zum Beispiel nackt sein) oder durch das öffentlich werden der eigenen Gedanken, Wünsche und Sehnsüchte, die evtl. als sozial unangemessen empfunden werden.

  • Gefühl der Entwertung
  • Gefühl der Entwürdigung
  • Gefühl der Entehrung
  • Gefühl sozialer Ausgeschlossenheit
  • Gefühl der Ablehnung
  • Angst

Scham ist ein Gefühl das einem die Angst vermittelt, sich lächerlich zu machen oder jemand anderen zu enttäuschen/beschämen. Dieses Gefühl hängt immer ganz von den zeitlich und regional begrenzten Moralvorstellungen ab.
Im Christentum entstand die Scham nachdem Adam und Eva von den verbotenen Früchten gegessen hatten und sich anschließend ihrer Nacktheit bewusst wurden.

Entwicklung der Scham

Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Begriff der Scham und die Gründe warum ein Individuum gesellschaftlich damit zu belegen ist, immer wieder neu geformt.
Wurde vor Jahrhunderten noch eine Schamkultur gelebt, bei welcher ein Individuum Schande über die gesamte Gemeinschaft bringt durch bestimmte Handlungen oder Ansichten, ist heute eine Schuldkultur etabliert. Hierbei wird nur dem einzelnen Individuum die Schuld auferlegt und damit auch der Grund sich zu schämen. Schuld und Scham sind extrem eng miteinander verbunden und müssen zusammen betrachtet werden.

Insgesamt gibt es zwei Arten von Scham. Die, welche der sozialen Anpassung dienlich ist und jene, welche die individuelle Persönlichkeit wahrt und entwickelt. Es dient als Warnsignal, dass einen davon abhält in der Masse anzuecken oder seine eigenen Werte und Vorstellungen mit denen der Realität der Gemeinschaft zu vergleichen.
Scham ist extrem vielschichtig und kann viele verschiedene Gründe und Auslöser haben.
Doch es sind immer wieder dieselben körperlichen Prozesse, die beim Schämen ablaufen.

  • Erröten des Gesichts
  • Herzrasen
  • Beschleunigung der Atmung
  • Stottern
  • Schwindel
  • Muskelverspannungen
  • Senken des Blickes oder des Kopfes
  • Herabsetzen der Stimmlautstärke
  • Flucht
  • Emotionale Beklommenheit

 

Was passiert im Körper wenn ein Mensch sich schämt?

Die körperlichen Prozesse, die beim Auftreten eines Schamgefühls einsetzen können, sind die klassischen Stresssymptome. Da der Mensch peinlich berührt ist und je nachdem wie stark die Gefühle sind, bereitet sich der Körper auf verschiedene Szenarien vor.

Wird dem Betroffenen klar, dass das Gefühl zwar unangenehm aber auszuhalten ist, wird er/sie Erröten. Das Gehirn stuft die Situation als Gefahr ein und stellt automatisch die Durchblutung auf Hochtouren, damit genug Energie zur Verfügung steht und sehr schnell weitere Entscheidungen zu treffen und zu reagieren.
Folglich wurde die Herzpumpleistung erhöht, der Blutdruck steigt an.
Wenn die betroffene Person denkt dass das eigene Verhalten/Gedanken/Werte unangemessen war, wird er/sie den Blick oder den Kopf senken um sich der Anschuldigung und Anklage durch Andere zu entziehen. Dies ist eine Art Selbstschutzmechanismus.
Genauso wie das Sprechen mit leiser Stimme, um nicht noch weiter aufzufallen oder anzuecken.

Sollte das Gehirn des Betroffenen festgestellt haben, dass die Gefühle emotional zu stark sind um sie psychisch zu ertragen, wird es Alarmstufe rot ausrufen. Adrenalin und Noradrenalin werden bei kurzzeitigem Stress ausgeschüttet. Die Muskeln bereiten sich auf Flucht oder Angriff vor und der Körper kann zu zittern anfangen. Herzrasen und Schwindel sind die Folge, bis hin zur Ohnmacht oder dem Ergreifen der Flucht.
Hält das Gefühl der Scham, also der Stress länger an, werden auch noch Glukokortikoide wie Cortisol ausgeschüttet. Der Stoffwechsel bleibt beschleunigt und ein Gefühl innerer Beklommenheit stellt sich ein.

Funktion und Aufgabe von Scham

Scham und Schuldbewusstsein haben wichtige Funktionen in der psychischen Entwicklung eines Menschen. Diese sind wie auch die Scham selbst auf zwei verschiedene Bereiche aufgeteilt.
Zum einen auf das Funktionieren und die Integration in einer Gruppe/Gemeinschaft.
Zum Anderen auf die Entwicklung des Selbstkonzepts, auf die eigene Integrität und letztlich auch die eigene Identität.

Funktion der Scham im Bezug auf das Selbst

Ein Mensch der Scham erlebt, dessen Körper Stresssymptome hervorruft bei bestimmten Handlungen oder durch das Äußern von Ansichten und Gedanken, der lernt. Die Person lernt das ein Verhalten oder eine Ansicht im Bezug auf das gängige Konzept der Gesellschaft nicht angemessen ist. Er/Sie kann sich durch das Erleben von Scham selbst reflektieren und entwickelt so Werte, Konzepte und Meinungen. Damit ist Scham ein wichtiger Teil der Persönlichkeitsbildung.
Wer Scham und das körperlich dazugehörige Erleben bewältigt, der kann Stolz und innere Stärke erfahren.

Hinzu kommt, dass Scham auch Selbstschutz ist. Sie schützt einen davor sich der Öffentlichkeit unangemessen zu präsentieren und sie schützt die eigene Intimität.
Deshalb spricht man oft auch von der „natürlichen Scham“, also wenn man sich beispielsweise nackt auf der Straße zeigen würde, oder vom „Beschämt sein“, wenn man etwas Unangemessenes getan, gesagt oder gedacht hat.

Scham und alle körperlich damit verbundenen Symptome können allerdings nicht nur erlebt werden, wenn ein Individuum mit anderen direkt konfrontiert ist. Ein Mensch kann sich auch schämen, allein durch das Wissen, dass seine Gedanken, Wünsche oder Ansichten von der Norm abweichen oder beim Gedanken daran, dies in der Öffentlichkeit zu erleben.
Auch die Beobachtung anderer Individuen die gegen gängige Werte und Ansichten verstoßen oder sich entwürdigend verhalten, kann ein Schamgefühl auslösen. Man spricht dann vom „Fremdschämen“.

Funktion der Scham im Bezug auf die Gemeinschaft/Gesellschaft

Scham ist ein elementarer Faktor bei der Sozialisierung von Individuen. Werte und Meinungen die zum Umstand des sich Schämen führen, sind von Kultur zu Kultur ganz verschieden. So kann das Tätscheln eines Kinderkopfes in Deutschland als freundliche Geste aufgefasst werden, in Südostasien hingegen ist es absolut verpönt und ein Grund zur Scham.
Scham in der Gemeinschaft/Gesellschaft spiegelt immer die aktuellen und gängigen Werte, Meinungen und Ansichten wider. Wer dagegen öffentlich verstößt wird Objekt für „Schimpf und Schande“. Die Gruppe zeigt damit dem Individuum was sie als angemessen erachtet und das Individuum kann lernen sich dem anzupassen und sich einzufügen.
Scham ist die Schnittstelle zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft.

Krankheiten und Beschwerden im Bezug auf Scham

Scham als Gefühl und Erleben kann eine wertvolle Lektion für das Individuum sein. Vorausgesetzt das Gefühl der Scham wird überwunden und führt nicht zu einem psychischen Trauma.

Manche Menschen können aus diversen Gründen und psychologischen Mechanismen nicht aufhören sich andauernd zu schämen oder sich Situationen auszusetzen, die Grund zur Scham liefern. Manche Ärzte sprechen dann von sogenannten Schamerkrankungen.
Oftmals führen Autodestruktivität, Destruktivität und Gewalt zu Scham. Entweder weil ein Mensch sich schämt das ihm eine bestimmte Begebenheit zugestoßen ist oder weil er sich nicht wehren konnte. Vielleicht wurde ihm oder ihr auch eingeredet er oder sie sei wertlos oder nicht gut genug. Traumatische und belastende Erlebnisse können einen Menschen konditionieren und dies kann zu unterschiedlichen Erkrankungen führen.

  • Angststörungen
  • Essstörungen
  • Zwangsstörungen
  • Aggression und Autoaggression

 

Essstörungen als Folge von krankhafter Scham

Ein Individuum das in einem frühen Entwicklungsstadium oftmals gehört oder erlebt hat, dass es nicht gut genug war, kann ernsthafte Probleme mit dem eigenen Körper und seinem Selbst entwickeln. Ein Individuum kann sich dann las nicht schön genug, nicht schlank genug oder auch nicht dick genug empfinden und wird krankhaft alles daran setzen diesen Zustand zu ändern. Da das Gefühl der Scham aber beständig ist, ist das Individuum auch nie mit sich selbst zufrieden. Um sich nicht weiter dem Gefühl der Scham aussetzen zu müssen hungern oder essen diese Menschen. Oder sie treiben krankhaft Sport und unterziehen sich ständig kosmetischen Eingriffen. Im Laufe der Zeit verlagert sich das Schamgefühl immer weiter aus seiner Beständigkeit heraus und selbst Zustände wie Essen oder „mal die Beine hochlegen“ werden als beschämend empfunden. Die Betroffenen sind niemals zufrieden mit sich, da das Scham- und Schuldgefühl beständig ist. Hier kann nur eine Therapie dem Patienten helfen, ein gesundes Maß zu finden und einen gesunden Umgang mit den eigenen Emotionen.

Angststörungen als Folge von Scham

Soziale Phobien, die Angst davor in der Masse anzuecken oder Angst vor peinlichen Erlebnissen können bei Betroffenen regelrecht zur Isolation führen. Betroffene meiden Kontakte und andere Menschen um sich ja nicht einer peinlichen oder schamhaften Situation auszusetzen. Das Gefühl von anderen Menschen beobachtet zu werden wird schon als unangenehm empfunden. Das Selbstwertempfinden ist gestört und oftmals auch das Identitätsempfinden. Betroffene entwickeln Vermeidungsstrategien, die in Depressionen oder sogar narzisstischen Persönlichkeitsstörungen enden können.
Entweder, weil das ständige Schuld- und Schamgefühl zu andauernder Niedergeschlagenheit führt oder weil das Individuum versucht diesen Mangel an Selbstwert zu kompensieren.

Zwangsstörungen als Folge von Scham

Patienten mit Zwangsstörungen können mit unterschiedlichen Techniken versucht haben, ihr emotionales Erleben zu beruhigen. Sie kompensieren das Erleben von Scham und Schuld mit diversen Handlungen wie Händewaschen, Dinge in bestimmter Häufigkeit Berühren oder auch Putzen. Der Zwang äußert sich ganz individuell, doch egal worum es sich handelt die Tätigkeit an sich wird zum Zwang und das Aus- oder Weglassen dieser erfüllt den Patienten erneut mit Schuld.

Aggression und Sucht durch Scham

Aggressives Verhalten, sei es anderen Personen oder sich selbst gegenüber, kann genauso eine Art des Selbstschutzes sein, wie die Sucht. Auch hierbei versucht die betroffene Person das negativ besetzte Erleben von Scham und Schuld zu kompensieren. Dies kann sich durch gewalttätiges Verhalten äußern oder durch die Einnahme eines Lebensmittels oder Rauschmittels oder das Erwerben von Dingen. Auch Aggression kann zur Sucht werden, vor allem wenn die Aggression sich gegen den betroffenen selbst wendet. Jedes Gefühl von Scham und Schuld kann dazu führen, dass der Patient sich selbst verletzt.

Scham und Sexualität

Menschen mit einem gestörten Selbstwertgefühl können an einer Schamerkrankung leiden. Wer durch frühkindliche negative Prägung oder durch Traumata Probleme mit der Abgrenzung der eigenen Intimität hat, kann auch im punkto Sex ernsthafte Störungen entwickeln.

Entweder ist diese Person zwanghaft davon besessen seine eigene Intimität der Öffentlichkeit zu präsentieren, wie etwa beim Exhibitionismus, oder sie ist extrem verklemmt und zurückhaltend aus Angst nicht den Erwartungen zu entsprechen und dadurch unangenehm aufzufallen. Dies kann soweit gehen, dass die Betroffenen ihr Sexleben nicht mehr scham- und schuldfrei erleben können und sich deswegen permanent schlecht fühlen.

Sexuelle Traumas können ebenfalls zu Scham führen. Menschen die ein solches Trauma erlebt haben, wie eine Vergewaltigung, sind oft so beschämt das sie sich nicht trauen zur Polizei oder ins Krankenhaus zu gehen. Sie fürchten sich vor den Folgen und fühlen sich entwürdigt und entehrt, so dass sie sich oftmals aus Scham zurückziehen. Dies kann ernsthafte Probleme oder Erkrankungen zur Folge haben. Sowohl psychisch, als auch körperlich.

Fragen und Antworten

Ab wann schämt sich ein Mensch?

Die Entwicklung des Schamgefühls setzt ungefähr im Kindergartenalter ein. Denn ab diesem Alter ist ein Kind in der Lage seine eigenen Unzulänglichkeiten mit den Maßstäben und Regeln der Außenwelt zu begreifen.

Wie viel Scham ist normal?

Scham ist ein normales und angemessenes Gefühl. Es sei denn, es kommt so oft vor, dass es einen normalen Alltag unmöglich macht. Wer sich permanent für etwas schämt oder wer sich selbst für unzulänglich hält, auch wenn dies nicht dem allgemeinen Konsens entspricht, der sollte sich evtl. Rat und Hilfe von einem Spezialisten holen. Auch Selbsthilfegruppen sind gute erste Anlaufstellen, wenn die Scham zu einer zu großen Last geworden ist.

Wie reagiert der Körper bei Scham?

Die körperlichen Reaktionen sind die klassischen Stresssymptome und können von Herzrasen, Erröten, Kopfsenken und schneller Atmung über Schwindel, Stottern und Zittern bis hin zu Ohnmacht oder Flucht reichen.

Ein Fazit zur Scham

Scham ist ein natürliches und nützliches Gefühl. Es ist die Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft, schützt die eigene Intimität und bildet das Selbst. Doch wenn Scham zwanghaft wird und beginnt den Alltag einzuschränken oder gar unmöglich zu machen, dann sollte sie behandelt werden. Damit man wieder das richtige Maß findet und ein gesundes und glückliches Leben führen kann.

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