Verapamil

Verapamil ist ein Arzneimittel, das zur Behandlung von Herzkrankheiten eingesetzt wird. Die Grundsubstanz ist ein weißes und geruchloses Pulver, in Wasser löslich mit einem leicht bitteren Geschmack. Es ist in Tablettenform in unterschiedlicher Dosierung erhältlich und verschreibungspflichtig. Auf den Medikamentenmarkt wird Verapamil seit 1963 vertrieben und gehört heute zur Liste der unentbehrlichen Medikamente der WHO.

VerapamilWas ist Verapamil?

Der Wirkstoff Verapamil zählt zu den Calciumantagonisten oder Calciumkanalblockern. Er gehört zur Klasse der Dihydropyridine und verringert die Erregungsüberleitung am Herzen zwischen Vorhof und Kammer (negativ dromotrop).

Zudem senkt es den Blutdruck und erweitert die Gefäße. Das hat zur Folge, dass der Sauerstoffverbrauch am Herzmuskel herabgesetzt wird und somit eine bessere Durchblutung stattfindet. Verapamil setzt den Herzschlag herab und sorgt für einen regelmäßigen Rhythmus. Der Calciumantagonist weißt zudem antiischämische und antianginöse Eigenschaften auf.

Welchen Zwecken dient dieser Wirkstoff?

Verapamil dient der:


Allgemeines

Allgemeines
NameVerapamil
Andere Namen
  • (RS)-2-(3,4-Dimethoxyphenyl)-5-{[2-(3,4-dimethoxyphenyl)ethyl](methyl)amino}-2-isopropylpentannitril (IUPAC)
  • (RS)-2-Isopropyl-2,8-bis(3,4-dimethoxyphenyl)-6-methyl-6-azaoctannitril
  • (±)-2-Isopropyl-2,8-bis(3,4-dimethoxyphenyl)-6-methyl-6-azaoctannitril
  • rac-2-Isopropyl-2,8-bis(3,4-dimethoxyphenyl)-6-methyl-6-azaoctannitril
  • DL-2-Isopropyl-2,8-bis(3,4-dimethoxyphenyl)-6-methyl-6-azaoctannitril
  • (±)-Verapamil
  • (RS)-Verapamil
SummenformelC27H38N2O4
Kurzbeschreibunghellgelbes, viskoses Öl

Wirkungsweise

So wirkt Verapamil

Um die Wirkung von Verapamil zu erklären, muss der Mechanismus der Reizleitung am Herzen kurz erwähnt werden. Das Herz ist im Gegensatz zu anderen Organen autonom und benötigt keine anderen Erregungsüberleitungen. Es besitzt sogenannte Schrittmacherzellen, die im Sinusknoten und AV-Knoten, sowie in verschiedenen weiteren Reizleitungssystemen zu finden sind.

Um die Schrittmacherzellen zu aktivieren, werden über Rezeptoren in regelmäßigen Abständen Calcium-Ionen in die Zelle durch elektrische Impulse transportiert. Bei einer Dysfunktion an den Schrittmacherzellen werden durch vermehrten Einstrom von Calcium-Ionen Erkrankungen, wie etwa Herzinsuffizienz oder Arrhythmien ausgelöst.

Dabei gibt es verschiedene Arten von diesen Calciumkanälen. Zum einen der L-Typ, der über einen längeren Zeitraum zum Einstrom von Calcium führt. Er verengt die Blutgefäße und erhöht damit den Blutdruck. Zum anderen, der T-Typ der direkten Einfluss auf die Schlagabfolge und Schrittmacherzellen nimmt, also auf den Sinusknoten und den AV-Knoten.

Phenylalkylamin (Verapamil) wirkt direkt auf den T-Typ dieser Calciumkanäle, verlangsamt den Herzschlag, sorgt für einen gleichmäßigen Rhythmus und stabilisiert den Blutdruck.

Aufnahme, Abbau und Ausscheidung von Verapamil

Bei oraler Aufnahme gelangt Verapamil über den Magen in den Dünndarm und wird über die Darmflora in den Blutkreislauf aufgenommen. Die maximale Plasmakonzentration wird je nach Arzneimittel zwischen einer und fünf Stunden nach Einnahme erreicht.

Die Verteilung von Verapamil erfolgt über Plasmaproteine. Der Abbau der Substanz zu ihren Metaboliten, hauptsächlich Stickstoff und Sauerstoff findet in der Leber statt. Diese werden über den Urin und die Faeces ausgeschieden. Bei intravenöser Gabe des Medikamentes beginnt die Wirkung bereits nach etwa vier Minuten.


Anwendungsgebiete

Wann wird Verapamil eingesetzt

Verapamil wird zur Behandlung von koronaren Herzkrankheiten (KHK) angewendet. Die Substanz bewirkt eine Verringerung der Arbeitslast am Herzen und sorgt für eine bessere Sauerstoffversorgung. Da es außerdem die Herzfrequenz verringert wird das Arzneimittel in der Regel mit einem zusätzlichen Herzmedikament verabreicht.

Behandelt werden folgende Erkrankungen:

  1. Die Belastungsangina oder auch stabile Angina pectoris
  2. Ruheangina, Crescendo-Angina (instabile Angina pectoris)
  3. Vasospastische Angina pectoris (Prinzmethal-Angina, Variant-Angina)
  4. Die Angina pectoris nach Myokardinfarkt ohne KHK, bei dem der Einsatz von Beta-Blockern erfolglos war.

Zudem findet Verapamil Anwendung bei Herzrhythmusstörungen. Da die gleichmäßige Erregung und Rückkopplung an der Zelle nicht gewährleistet ist, kann sich der Herzmuskel nicht mehr rhythmisch zusammenziehen. Die Substanz sorgt für einen verminderten Einstrom von Calcium-Ionen in die Schrittmacherzellen und eine Stabilisierung der Herzfrequenz.

So dient Verapamil zur Therapie:

  1. Der paroxysmalen supraventrikulären Tachykardie
  2. Von Vorhofflimmern und Vorhofflattern durch schnelle AV-Überleitung

Therapeutische Anwendung bei Hypertonie

Durch die Vasodilatation von Verapamilhydrochlorid nimmt der Gefäßwiderstand ab und der Blutdruck wird gesenkt. Zur Behandlung eines hohen Blutdruckes mit diesem Arzneimittel ist ebenfalls ein Kombinationspräparat einzusetzen (ace-Hemmer oder ein Diuretikum).

Des Weiteren findet das Präparat prophylaktische Anwendung bei Cluster-Kopfschmerz.


Richtige Anwendung

So wird Verapamil angewendet

Das Medikament ist in Form von Salzen, Tabletten und darüber hinaus auch as Injektion auf den pharmazeutischen Markt erhältlich. Tabletten werden unzerkaut mit einem Glas Wasser geschluckt.

Intravenös ist die Substanz über einen Zeitraum von zwei Minuten und unter EKG- und Blutdruckkontrolle langsam zu injizieren. Verapamil kann auch als Infusion verabreicht werden.

Die Anwendung des Präparates ist zeitlich nicht begrenzt. Das Absetzen des Medikamentes erfolgt stufenweise durch Reduzierung der Dosis.


Medikamente

Welche Medikamente beinhalten den Wirkstoff Verapamil

Folgende Medikamente enthalten den Wirkstoff Verapamil in unterschiedlicher Dosierung und Darreichungsform:

  • Isoptin KHK retard
  • Isoptin-RR
  • Isoptin mite
  • Verapamil Basics
  • Verapamil Sandoz
  • Vera-Lich
  • VeraHexal
  • VeraHexal KHK retard

Handelsnamen

Monopräparate

  • Falicard
  • Flamon
  • Isoptin
  • Veragamma
  • Vera-Lich
  • Veramex
  • Veranorm
  • Verapabene
  • Verasal
  • Veroptinstada
  • diverse Generika

Kombinationspräparate

  • Captocomb
  • Convit
  • Cordichin
  • Isoptin RR
  • Tarka
  • Veracapt

Indikationen

Verapamil wird hauptsächlich zur Behandlung von supraventrikulären Tachyarrhythmien angewandt. Außerdem dient es der Therapie der KHK und Angina pectoris, sowie der hypertrophen obstruktiven Kardiomyopathie. Auch dient es der Prophylaxe des Clusterkopfschmerzes. Darunter werden schwere Schmerzattacken im Stirn- und Schläfenbereich verstanden, die in einem Zeitabstand von zwei Tagen auftreten.


Gegenanzeigen

Wann darf Verapamil nicht angewendet werden?

Der Wirkstoff darf nicht bei Vorhofflimmern oder Vorhofflattern bei Vorliegen des WPW- oder Lown-Ganong-Levine-Syndroms angewandt werden. Die Substanz kann aufgrund dieser Erkrankungen ein Kammerflimmern auslösen bis hin zum Herzstillstand.

Des Weiteren darf es nicht bei einem Herz-Kreislauf-Schock und bei Allergien auf die Inhaltsstoffe des Präparates verschrieben werden.

Zudem ist Verapamil beim Sinusknotensyndrom mit verminderter Herzfrequenz und bei Reizleitungsstörungen wie AV-Block II und III, kontraindiziert. Ausnahmen sind Patienten mit implantiertem Schrittmacher.

Bei gleichzeitiger Gabe von Beta-Rezeptorenblockern darf Verapamil ausschließlich unter intensivmedizinischer Behandlung verwendet werden.

Ebenso ist das Medikament bei der schweren Herzinsuffizienz mit einer Auswurfleistung von weniger als 35% und einem Verschlussdruck von mehr als 20mmHg nicht zu verwenden.

Was müssen Sie bei Schwangerschaft und Stillzeit beachten?

Verapamil sollte aufgrund fehlender Erfahrung in der Schwangerschaft nur bei strengen medizinischen Indikationen im dritten Trimenon verabreicht werden. Der Wirkstoff kann in die Plazenta übergehen und eventuell den Fötus schädigen. Zudem wirkt Verapamil auf die glatte Muskulatur relaxierend, was eine vorzeitige Geburt auslösen könnte.

Die Substanz kann ebenso in die Muttermilch übergehen und vom Säugling aufgenommen werden. Auch hier ist ein gewisses Risiko für das Neugeborene gegeben, so dass das Medikament nur nach sorgfältiger Abwägung angewendet werden sollte. Außerdem wurde in einzelnen Fällen eine Hyperprolaktinämie (Erhöhung des Hormones Prolaktin im Blut) und Galaktorrhoe beobachtet.

Was ist bei Kindern zu berücksichtigen?

Verapamil wird bei Kindern und Jugendlichen nur in niedriger Dosierung von 80-160g pro Tag bei Störungen der Herzfrequenz angewandt. Zu Retard-Tabletten liegen keine Erkenntnisse vor.


Risiken & Nebenwirkungen

Welche Nebenwirkungen hat Verapamil?

Wie bei jedem Arzneimittel, so kann auch die Einnahme von Verapamil zu Nebenwirkungen führen.

Häufige Nebenwirkungen

Zu den am häufigsten bekannten Nebenwirkungen zählen:

Gelegentliche Nebenwirkungen

Seltene Nebenwirkungen

Sehr seltene Nebenwirkungen

Sehr selten tritt eine Verschlechterung des Krankheitsbildes der Myasthenia Gravis, des Lambert-Eaton-Syndroms, der Duchenne Muskeldystrophie und eine Photodermatitis auf.

Zudem wurden bei Patienten mit schwerer KHK und kürzlich aufgetretenen Myokardinfarkt, bei Kombinationsgabe mit einem Beta-Blocker, ein Anstieg der schweren Nebenwirkungen beobachtet.

Untersuchungen belegen außerdem in Einzelfällen, dass Auftreten einer Tetraparese bei Verwendung von Verapamil und Cholchin. Forscher vermuten, dass durch Hemmung bestimmter Enzyme durch Verapamil, die Substanz Cholchin die Blut-Hirnschranke passiert und Lähmungen auslöste.

Zudem kann es bei Trägern von Herzschrittmachern zur Erhöhung der Pacing- und Sensingschwelle, das bedeutet, die Intensität des ausgesendeten elektrischen Reizes, führen.


Wechselwirkungen

Welche Wechselwirkungen zeigt Verapamil

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten konnten beobachtet werden, da Verapamil nur durch bestimmte Enzyme abgebaut werden kann und Inhibitoren wie CYP3A4 und das Protein P-gp die Wirkung von Verapamil beeinflussen.

  1. Muskelrelaxantien vom Curare-Typ
    Durch klinische Studien konnte eine Verstärkung des Wirkmechanismus von Muskelrelaxantien durch Verapamil beobachtet werden. Deshalb sollte eine niedrigere Dosierung dieser Substanz erfolgen.
  2. Antiarrhythmika
    Bei Anwendung von Inhalationsanästhetika, Beta-Rezeptorenblockern und Disopyramid wird in Kombination mit Verapamil die kardiovaskuläre Wirkung erhöht. Dieses kann Bradykardie, Hypotonie, Auftreten einer KHK und eine Verstärkung des AV-Blockes II und III Grades auslösen. Die Gabe dieser Arzneimittel darf ausschließlich im intensivmedizinischen Bereich zur Therapie angewandt werden.
  3. Dabigatran
    Dabigatran ist ein P-gb Protein, das in Zusammenhang mit Verapamil eine verstärkte Blutungsneigung auslöst. Besonders gefährdet sind Patienten mit Nierenfunktionsstörungen.
  4. HI-Medikamente
    Beide Präparate in Kombination können einen Anstieg der Wirkstoffe im Blutplasma hervorrufen. Deshalb sollte die Dosierung von Verapamil vermindert werden.
  5. Lithium
    Bei gleichzeitiger Behandlung dieser beiden Medikamente ist eine engmaschige Kontrolle durchzuführen, da sich der Lithiumspiegel im Blut sowohl vermindern als auch erhöhen kann.
  6. Statine
    Bei der Gabe von Statinen (Atorvastin,Simvastatin) ist die Dosierung von Verapamil stufenweise anzupassen. Dabei werden die Statin-Dosis und Cholesterin-Konzentration titriert. Bei Fluvastatin, Rosuvastatin und Pravastin wurden keine Wechselwirkungen beobachtet.
  7. Blutdrucksenkende, gefäßerweiternde und diuretische Arzneimittel
    Bei dieser Kombination kann es zur Hypotonie, verbunden mit Kreislaufproblemen kommen.
    Bei gleichzeitiger Gabe von ASS konnte eine verstärkte Blutungsneigung festgestellt werden.
    Verapamil im Zusammenhang mit Alkohol hemmt den Abbau von Ethanol und verstärkt damit die Alkoholwirkung.

Wichtige Hinweise

Was ist bei der Einnahme von Verapamil zu beachten?

Falls vom Arzt nicht anders verordnet, wird Verapamil folgendermaßen eingenommen:

  1. Bei Störungen der Herzfrequenz
    Bei Kindern bis 6 Jahren ist die empfohlene Tagesdosis zwischen 80 – 120 mg zwei bis dreimal täglich.
    Schulkinder von 6 – 14 Jahre erhalten zwischen 160 – 320 mg Verapamil zwei bis viermal täglich.
  2. Bei Hypertonie, KHK, supraventrikulärer Tachykardie und Vorhofflimmern/flattern
    Bei Jugendlichen über 50kg und Erwachsenen liegt die Dosierung zwischen 240 – 480 mg drei bis viermal täglich.
  3. Eingeschränkte Nierenfunktion
    Bisher konnten durch die Gabe von Verapamil bei Niereninsuffizienz keine signifikanten Nebenwirkungen beobachtet werden. Trotzdem ist das Medikament vorsichtig und unter engmaschiger Kontrolle anzuwenden.
  4. Patienten mit eingeschränkter Leberfunktion
    Bei diesem Krankheitsbild wird der Wirkstoff stufenweise, unter Laborkontrollen, dem Körper zugeführt. Begonnen wird mit einer Dosierung von 40mg und die Menge dann schrittweise erhöht.

Abgabevorschriften

So erhalten sie Medikamente mit Verapamil

Verapamil ist ein verschreibungspflichtiges Medikament. Erhältlich ist es in jeder herkömmlichen Apotheke oder über Online-Apotheken.


Geschichte

Seit wann ist Verapamil bekannt?

Die Firma Knoll AG suchte im Jahr 1960 nach einem neuen Präparat zur koronaren Gefäßerweiterung. Aus dem Wirkstoff Papaverin entwickelte Ferdinand Dengel verschiedene chemische Verbindungen, darunter die Substanz D 365, heute bekannt unter Verapamil.

Durch Forschungen von G. Härtfelder und Hans Haas wurde die gefäßdilatierende Wirkung von D 365 wissenschaftlich bestätigt. 1964 entdeckte der Pharmakologe Albrecht Fleckstein, dass Verapamil die Calciumausschüttung am Herzen vermindert. 1967 grenzte er den Wirkstoff von den Beta-Blockern ab, und klassifizierte sie als Calciumantagonisten.


Warnhinweise

Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen

Bei Vorerkrankungen, wie AV-Block oder Schenkelblock ist Verapamil mit Vorsicht einzusetzen. Bei diesen Krankheitsbildern ist die Herzfrequenz herabgesetzt und es kann unter dieser Substanz zu einer massiven Bradykardie bis hin zur Asystolie kommen. Sollte es zu einem Herzstillstand kommen, ist sofort mit Reanimationsmaßnahmen zu beginnen.

Bei bestehender Hypertonie ist bei Einnahme dieses Arzneimittels zudem eine regelmäßige Blutdrucküberwachung erforderlich.

Bei Patienten mit Lactase-Mangel und einer Galactose-Intoleranz ist Verapamil in der Regel kontraindiziert.


Quellen

  • Arzneimittel-Fachinformation (CH, D, USA)
  • Baky S.H., Singh B.N. Verapamil hydrochloride: pharmacological properties and role in cardiovascular therapeutics. Pharmacotherapy, 1982, 2(6), 328-353 Pubmed
  • Europäisches Arzneibuch PhEur
  • Hamann S.R., Blouin R.A, McAllister RG Jr. Clinical pharmacokinetics of verapamil. Clin Pharmacokinet, 1984, 9(1), 26-41 Pubmed
  • McTavish D., Sorkin E.M. Verapamil. An updated review of its pharmacodynamic and pharmacokinetic properties, and therapeutic use in hypertension. Drugs, 1989, 38(1), 19-76
  • Singh B.N., Ellrodt G., Peter C.T. Verapamil: a review of its pharmacological properties and therapeutic use. Drugs, 1978, 15(3), 169-97 Pubmed

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