Sexsucht

Definition Sexsucht

SexsuchtAls Sexsucht bezeichnet man eine Störung der sexuellen Appetenz. Sie weist die gleichen Verhaltensmuster auf wie andere Verhaltenssüchte (z. B.: Kaufsucht, Spielsucht). Wesentlich ist dabei ein unkontrollierbarer Zwang hinsichtlich des sexuellen Erlebens. Einerseits kann hierbei eine Fixierung auf Geschlechtsverkehr, andererseits auf Masturbation vorliegen. In jedem Fall rücken alle anderen Lebensbereiche hinter die Sexualität, wodurch ein geregeltes Leben für Betroffene nicht oder nur eingeschränkt möglich ist. Die Sexsucht geht folglich mit einem enormen Leidensdruck einher.

Zwar belächelt man diese psychische Störung oftmals und tut sie als albern ab, aber es handelt sich nichtsdestoweniger um eine ernstzunehmende Störung, die einer psychologischen Betreuung bedarf. Nimmt man diesbezüglich keine Hilfe in Anspruch, ist damit zu rechnen, dass man Zeit seines Lebens an einer übersteigerten Libido leidet und niemals frei von dieser Sucht leben kann.

Tatsächlich sind die Aussichten auf Heilung nicht allzu schlecht. Darum ist es nicht nur empfehlenswert, einen zuständigen Mediziner aufzusuchen, sondern in vielen Fällen auch absolut notwenig. Alles andere wäre sich selbst und der Gesellschaft gegenüber unverantwortlich.

Steckbrief: Sexsucht

  • Name(n): Sexsucht; Hypersexualität; Hyperlibido; Sexualzwang (früher Satyriasis bzw. Nymphomanie)
  • Art der Krankheit: sexuelle Funktionsstörung; stoffungebundene Sucht (Verhaltenssucht)
  • Verbreitung: weltweit
  • Erste Erwähnung der Krankheit:ca. 1830 von Jean-Étienne Esquirol und Philippe Pinel
  • Behandelbar: ja (aber erhöhte Rückfallgefahr)
  • Art des Auslösers: multifaktorial
  • Wieviele Erkrankte: 3 bis 6 Prozent der Bevölkerung
  • Welchen Facharzt sollte man aufsuchen: Sexualtherapeut; Psychotherapeut; Sozialpädagoge
  • ICD-10 Code(s): F52.7; F52.8; F52.9; F63.8


Was ist Sexsucht?

In erster Linie handelt es sich bei der Sexsucht um eine nichtstoffgebundene Suchterkrankung, die im Gegensatz zu stoffgebundenen Süchten nicht auf eine bestimmte Substanz, sondern auf ein Verhalten ausgerichtet ist. Wie andere Verhaltenssüchte (z. B.: Spielsucht oder die als Binge-Eating bekannte Esssucht) ist die Sexsucht auf die zwanghafte Befriedigung eines Bedürfnisses ausgerichtet, wodurch eine psychische Abhängigkeit entstehen kann. Um tatsächlich als Sucht markiert zu werden, müssen folgende Kriterien mehr oder weniger erfüllt sein:

  • Dosissteigerung und Toleranzentwicklung
  • Kontrollverlust
  • Wiederholungszwang
  • Entzugserscheinungen
  • Lebenszentrierung auf die Bedürfnisbefriedigung
  • Beruflicher und sozialer Abstieg
  • Psychischer und physischer Zerfall
  • Hoher Leidensdruck
  • Führen eines Doppellebens

Bei der Sexsucht betreffen diese Kriterien zum einen die Zentrierung auf Masturbation und zum anderen auf sexuelle Kontakte mit einem Partner. Zu Beginn der Sucht nimmt die Anzahl der sexuellen Handlungen zu, genügt jedoch irgendwann der Bedürfnisbefriedigung nicht mehr. Hat sich diese Toleranz einmal entwickelt, wird der Süchtige versuchen, auf neuen Wegen sein Verlangen zu stillen. Dies geschieht häufig durch willkürliche Partnerwahl, bei welcher persönliche Präferenzen bezüglich des Geschlechts, Alters oder Aussehens außer Acht gelassen werden. Auch die Hinwendung zu Paraphilien (Pädophilie, Bestialität, Sadomasochismus, Frotteurismus) kann in diesem Stadium beobachtet werden. Teilweise werden sogar die Grenzen der Legalität überschritten. Scham, Ekel oder Rechtsempfinden werden dabei wahrgenommen, haben aber keinen wesentlichen Einfluss auf das Handeln des Betroffenen mehr. Dieses ist letztlich ausschließlich auf die Sexualität ausgerichtet, wodurch ein normales Leben unmöglich wird. Betroffene können keiner geregelten Arbeit mehr nachkommen, begeben sich in die Prostitution und sind nicht mehr imstande Partnerschaften aufrechtzuerhalten. Die hierdurch entstehende Frustration verstärkt die Sucht zusätzlich.

Neben dem stärker werdenden psychischen Leidensdruck kann Sexsucht auch körperliche Folgen nach sich ziehen. Zum einen besteht ein Verletzungsrisiko bei extremen Sexualpraktiken oder Masturbationstechniken, zum anderen mündet der Kontrollverlust in ein unvorsichtiges Verhalten. Die Ansteckungsgefahr mit sexuell übertragbaren Krankheiten wie HIV oder Chlamydien ist hoch. Eine wissenschaftliche Untersuchung von 1992 kommt zu dem Schluss, dass bei einer Sexsucht in facto auch Entzugserscheinungen auftreten (Schwindel, Kopfschmerz, quälende innere Unruhe, Schlaflosigkeit)

Welche Ursachen führen zu Sexsucht?

Gleich anderen Süchten ist auch die Sexsucht multifaktorial. Individuelle intrapsychische und psychologische Faktoren spielen genauso eine Rolle wie die Umwelt oder generelle Faktoren des Suchtverhaltens. Von wesentlicher Bedeutung ist in beinahe allen Fällen eine inkorrekte Bewältigungsstrategie. Negative Gefühle, Stress und Probleme werden nicht positiv bewältigt, sondern mit einer sexuellen Ersatzhandlung. Fehlende Liebe, Einsamkeit oder Langeweile münden dann in lockere sexuelle Kontakte oder Masturbation. Da hierdurch keine dauerhafte Lösung der Grundproblematik erreicht wird, greift der Betroffene immer wieder zur Ersatzhandlung. Es entsteht ein negativer Kreislauf, der in letzter Konsequenz in die Sucht übergeht.

Dieses Verhalten wird grundlegend von der Biochemie des Körpers unterstützt. Sexuelle Lustbefriedigung setzt körpereigene Substanzen wie Endorphine frei, die im Sinne der Schmerzlinderung und beeinflussten Wahrnehmung durchaus mit von außen zugeführten Drogen vergleichbar sind. Das Entstehen einer Sexsucht ist also davon abhängig, ob sexuelle Handlungen zu einer positiven Stimmung beitragen oder aber negative Zustände abgemildert werden. Wird Sex nicht als lustvoll wahrgenommen, ist das Risiko einer Sexsucht ergo sehr gering.

Schließlich sind auch bestimmte soziokulturelle Rahmenbedingungen und die kulturbedingte Einstellung einer Gesellschaft zu Sexualität ursächlich. Unkomplizierter Zugang zu Pornografie, sexualisierte Werbung und Toleranz gegenüber wechselnden Partnerschaften fördern eine Zentrierung und Idealisierung der Sexualität und vermitteln einen unrealistischen Status dieser. Zudem erleichtern sie sexsüchtiges Verhalten. Eine starke Tabuisierung der natürlichen Lustbefriedigung sowie eine prohibitive Erziehung bewirken wiederum ein starkes Sehnsuchtsgefühl bis hin zu Zwangsgedanken und unrealistischen Vorstellungen von sexuellem Verhalten. Aus diesem Grund ist die Herkunftsfamilie einer Person von übergeordneter Relevanz: Der elterliche Umgang mit Sexualität ist ein wichtiger Einflussfaktor während des psychosexuellen Reifeprozesses von Kindern und Jugendlichen.

In seltenen Fällen können auch Hirnverletzungen oder organische Erkrankungen Auslöser einer Sexsucht sein. Verantwortlich zeichnet sich dann vor allem eine Schädigung der Amygdala wie zum Beispiel beim Klüver-Bucy-Syndrom.

Bitte empfehlt diese Seite oder verlinkt uns:

Bitte bewerten Sie diesen Artikel
1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (28 Stimmen, Durchschnitt: 4,48 von 5)
Loading...

 Rechtliche Hinweise