Neurasthenie

Steckbrief: Neurasthenie

  • Namen: Neurasthenie; Nervenschwäche; Chronisches Erschöpfungsleiden
  • Art der Krankheit: nicht organisch bedingtes Nervenleiden
  • Verbreitung: weltweit
  • Erste Erwähnung der Krankheit: unter unterschiedlichen Namen seit der Antike benannt und bekannt
  • Behandelbar: Ja
  • Art des Auslösers: Psychische Symptome; Umweltfaktoren
  • Wie viele Erkrankte: unbekannt
  • Welchen Facharzt sollte man aufsuchen: Neurologen; Psychiater
  • ICD-10 Code(s): F48.0

Neurasthenie – Symptom und Krankheit
Die Neurasthenie beschreibt eine ganze Reihe an möglichen Leiden, die fast alle mit Gereiztheit oder einem Gefühl der Überanstrengung assoziiert sind. Das Leiden ist dabei kulturell unterschiedlich ausgeprägt und definiert, hat über die Jahrtausende verschiedene Bewertungen über sich ergehen lassen und wird mittlerweile häufig ALS Teil anderer psychischer Leiden verstanden. Einzeln diagnostiziert wird die Neurasthenie deshalb selten. Ihr Symptomkomplex umfasst dabei spezifische und unspezifische Einschränkungen, die alle gemeinsam haben, dass die psychische Verfassung des Betroffenen stark angeschlagen – aber meist nicht irreparabel geschädigt – ist.

Definition Neurasthenie

Eine sogenannte „Reizbare Schwäche“ wurde in früheren Zeiten immer dann diagnostiziert, wenn man für Symptome wie Gereiztheit und übermäßige Erschöpfung keinen organischen Auslöser finden konnte. Auch wurde die Krankheit mehr oder weniger strikt von starken psychischen Störungen wie der Schizophrenie, der Paranoia und ähnlichem getrennt.

Als Auslöser galt früher der erhöhte Stress in der Gesellschaft durch die Folgen der elektrischen Revolution und der damit einhergehenden Automatisierung. Maßgeblich prägte im 19. Jahrhundert der Neurologe George Miller Beard den Begriff der Neurasthenie, die in dieser Zeit auch bedeutend häufiger diagnostiziert wurde. Er führte die Hauptsymptome hauptsächlich auf die beschriebenen Umwälzungen zurüCK, die seinerzeit stattfanden.

Die Neurasthenie entwickelte sich zu einer regelrechten Modekrankheit, weil man mit ihr fast alle Leiden, die wir heute eher unter Burn-Out-Syndrom oder dem Chronischen Erschöpfungssyndrom verstehen würden, zusammenfassen konnte. Die Behandlung erfolgte auch – ganz zeitgemäß – durch entspannende und den Geist stimulierende Maßnahmen nach den Prinzipien des Browniasmus oder durch Reizstromanwendungen (nach Beard).

Die Kurverfahren erfreuten sich aber weit größerer Beliebtheit.


Was ist Neurasthenie?

Neurasthenie ist vor allem durch empfundenes Leiden der Betroffenen geprägt. Sie reagieren gereizt; Männer können zu Impotenz neigen, Frauen sexuell desinteressiert. Aber auch Konzentrationsschwächen, Kopfschmerzen bei Anstrengung und schnelle Erschöpfung sind entscheidend.

Dabei spielt die Überreiztheit der Nerven die entscheidende Rolle: durch Reize, die nicht mehr normal verarbeitet werden können, treten die Symptome einer Überreizung aus. Im Falle des Menschen ist dies fast immer mit Stresssymptomen gleichzusetzen.

Die Symptome sind dabei nie auf eine organische Schädigung der Nerven zurückzuführen, sondern immer rein durch das Verarbeiten der Reize bedingt. Für Nervenleiden, die durch eine Schädigung der Nerven selbst bedingt sind, steht der Begriff der Neuropathie.

Während früher die Neurasthenie (in der Antike auch als Melancholie und Hypochondrie verstanden) als eigene Krankheit auftrat, wird ihr Symptomkomplex heute anderen psychischen Leiden zugerechnet. Der Übergang in das Burn-Out-Syndrom, das Chronische Erschöpfungssyndrom und eine Erschöpfungsdepression ist fließend; es gibt Bestrebungen, den Begriff der Neurasthenie als Bezeichnung einer eigenständigen Krankheit abzuschaffen.

Dass die Bewertung der Krankheit einem starken Wandel unterworfen ist, zeigt sich auch in der Bewertung Siegmund Freuds. Dieser hielt die Neurasthenie vorerst für durch Masturbation bedingt, womit er er sie in den Formenkreis der Aktualneurosen (Neurosen, die ihren Ursprung laut Freund nicht in der Kindheit haben: Angstneurosen, Hypochondrie und Neurasthenie) einordnete.
Erst später sprach er der seelischen Verfassung (einem „Mangel an Ich-Organisation„) eine Beteiligung bei.

Mittlerweile wird die psychische (und damit seelische) Verfassung als Hauptgrund für die Symptome der Neurasthenie betrachtet. Dabei können sie durch Umweltfaktoren und durch innerliche Auslöser verursacht sein. Meist spielt beides zusammen, weil umweltbedingter Stress auch die Fähigkeit zum innerlichen Stressabbau behindert und umgekehrt.

Ob es sich um eine Neurose, ein wirkliches Syndrom oder etwas anderes handelt, ist unklar. Die Forschung vernachlässigt die Neurasthenie schon seit einiger Zeit.

Welche Ursachen gibt es?

Die Theorie der gestressten Gesellschaft durch durch die elektrische Revolution gilt als überholt. Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass die Anzahl an Diagnosen, die die Neurasthenie einschließen (vor allem Burn-Out-Syndrom und Erschöpfungsdepression) sich in den letzten Jahrzehnten stark gehäuft haben.

Da man heute unter Neurasthenie vor allem Gereiztheit, Erschöpfung – und damit eine gewisse Schwäche im Alltag – versteht, sind die Auslöser entsprechend weit verteilt. Entscheidend ist, ob man die Neurasthenie bei einer Diagnose einer psychischen Krankheit hinzurechnet oder ob man annimmt, dass sie rein von außen ausgelöst ist. Aufgrund der schwammigen Verwendung der Diagnose in früheren Jahrhunderten und der heutigen Uneinigkeit bezüglich des Umgangs mit dem Leiden an sich, gestaltet sich eine exakte Ursachenfindung als schwierig.

Als Symptom einer psychischen Erkrankung tritt sie zum Beispiel bei folgenden Leiden auf:

  • Schizophrenie
  • Demenz
  • Depression
  • Burn-Out-Syndrom
  • Chronische Erschöpfung
  • Verwirrung
  • usw.

Eine nervöse Gereiztheit ist dabei häufig Teil des klinischen Bildes dieser Krankheiten. Betroffene sind leicht reizbar, schnell überfordert, träge bis apathisch und verhalten sich emotional häufig unterkühlt.
Treten diese Symptome hin und wieder auf, ist eine Frage der Ausprägung und der Länge des Anhaltens der Symptome, ob man hier von einer Krankheit Sprechen kann.

Bei einzelnen Symptomen spielen auch die Stimmung des Betroffenen und seine vorangegangenen Tätigkeiten eine Rolle. Es gibt dabei durchaus eine Menge Auslöser, die zu diesen Zuständen führen und zum Teil selbst verschuldet sind.
So sind zum Beispiel schlecht für die Psyche bzw. die Stimmung:

  • Einsamkeit
  • monotones Arbeiten
  • zu wenig Abwechslung
  • ständiges Grübeln
  • Fixierung auf Unerreichbares und damit einhergehende Enttäuschung

Diese Dinge sorgen auf Dauer für eine Gemütsverschlechterung und damit auch für diese Symptome. Manifestieren sie sich, dann kann man von einem Krankheitswert sprechen.

Auch Faktoren von außen, die nicht selbst verschuldet sind, setzen einen unter Druck:

  • Erwartungshaltung anderer
  • Gesellschaftliche Rolle
  • übermäßige Dominanz in zwischenmenschlichen Beziehungen
  • emotionale Ausbeutung
  • eine anhaltende Krankheitsphase

Diese und viele weitere Faktoren können die Symptome einer Neurasthenie auslösen. Die Abgrenzbarkeit zu psychischen Leiden ist eine Frage der Diagnose. Schließlich können auch psychische Erkrankungen, die genauer definiert sind, sich durch diese Auslöser manifestieren. Die Klärung muss durch Gespräche und eine Analyse der Lage und der Persönlichkeit des Betroffenen erfolgen.


Symptome & Anzeichen

An sich selbst eine Neurasthenie festzustellen, ist unter Umständen schwierig. Während früher gerne eine Neurasthenie als Vorwand genutzt wurde, um in den Genuss einer Kurbehandlung – meist bezahlt durch einen reichen Ehepartner – zu kommen, entfällt dies in einer leistungsorientierten Gesellschaft meist.

Die eigene psychische Gesundheit im Blick zu haben, ist allerdings wichtig. Eine besondere Beobachtung seiner selbst ist geboten, wenn man eines oder mehrere der folgenden Symptome an sich feststellt:

  • ständiges Ermüden
  • starke Gereiztheit (auch nahestehenden Menschen gegenüber)
  • Schlafstörungen
  • Muskelschmerzen ohne erkennbare Ursache
  • fehlende Libido
  • Konzentrationsprobleme und Kopfschmerzen

Anhaltende Symptome dieser Art sind ein Anzeichen eines seelischen beziehungsweise psychischen Leidens, das einer Abklärung bedarf. Auch können diesen Symptomen andere Krankheiten zugrunde liegen.

Erste Anzeichen werden von Betroffenen und auch Außenstehenden dabei oft als Stimmungsschwankungen interpretiert (was sie anfangs auch sind). Das Manifestieren der Symptome oder das Aneinanderreihen von neuen Symptomen geschieht ungeordnet und nach einiger Zeit erfüllen Betroffene die Kriterien für ein Krankheitsbild.

Dabei sind gerade das Burn-Out-Syndrom und andere Formen chronischer Erschöpfung besonders häufig. Betroffene sprechend selten gern darüber und wollen sich ihre vermeintliche Schwäche nicht eingestehen. Auch der Begriff der „Nervenschwäche“, der noch aus vergangener Zeit stammt, ist nicht besonders hilfreich im offenen Austausch.

Es ist durchaus angebracht, nahestehende Menschen, die in ihrem Gemüt und ihrer Art, die Umwelt wahrzunehmen und auf sie zu reagieren, plötzlich negativ verändert sind, darauf anzusprechen. Eventuell können so schnell Faktoren, die die Person belasten, ausfindig gemacht werden.

Treten zusätzlich noch Leiden wie idiopathische Schmerzen – also Schmerzen ohne erkennbare Ursache – und der teilweise oder ganze Verlust von Körperfunktionen auf, handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine Neuropathie. Ein organisch bedingtes Nervenleiden grenzt sich von einem psychisch bedingten ab und bedarf einer anderen Behandlung.


Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Diagnose ist stark davon abhängig, welchen Arzt man fragt und wie der Betroffene seine Symptome beschreibt. Während der Leidensdruck für die Betroffenen subjektiv sehr hoch sein kann, können Außenstehende (auch Ärzte) die Ursache nicht genau festmachen oder nicht nachvollziehen.

Eine Neurasthenie wird nach ICD-10 erst dann diagnostiziert, wenn die Symptome drei Monate und länger anhalten.

Für die Diagnose muss also vor allem das Gespräch gesucht werden, in welchem der Betroffene seine Leiden dezidiert beschreibt und ausführt, wann sie besonders stark sind. So ergibt sich entweder, dass Auslöser gefunden werden oder dass eine psychische Krankheit vorliegt, die diese Symptome beinhaltet.

Wird Symptomen schon früh entgegen gewirkt (durch den Betroffenen selbst), lässt sich das Manifestieren derselben gut verhindern. Vorübergehende Trübungen der Stimmung und eine ganze Reihe an nicht erklärbaren Leiden und damit einhergehenden negativen Gedanken sind menschlich.

Aber gerade bei Menschen, die sich dem Leistungsdruck und der Erwartungshaltung der Gesellschaft besonders anpassen, hat die Neurasthenie eine gute Chance, sich zu manifestieren und zu einer dauerhaften Belastung zu werden. Schließlich führen Eigenschaften wie der Hang zur Perfektion oder eine Überangepasstheit nicht dazu, dass man seine psychischen Probleme als Zeichen dafür sieht, einfach mal innezuhalten und sich eine Auszeit zu gönnen.

Bei Betroffenen, die das Gespräch mit einem Arzt aus Scham oder sonstigen Gründen scheuen, kann sich im Verlauf der Jahre eine ernsthafte Depression entwickeln, die im schlimmsten Fall bis zu selbstverletztendem und suizidalen Verhalten führt.

Ansonsten sorgt ein langes Anhalten der Symptome für eine ständige Beeinträchtigung des Lebensgefühls. Bei rechtzeitigem Aufsuchen eines Arztes und einer Diagnose – oder zumindest ein paar Anreizen, wie man sich den schädlichen Faktoren entziehen kann bzw. sie ausgleichen kann – sind die Chancen, dass man die Symptome wieder ablegt, gut.

Entscheidend für den Verlauf einer Neurasthenie ist, ob es möglich ist, die Gründe zu behandeln (im Falle einer psychischen Krankheit, die der Neurasthenie zugrunde liegt) oder dass der Betroffene durch eine Anpassung seines Lebensstils lernt, besser mit den Faktoren umzugehen und Möglichkeiten entwickelt, die ihn entlasten.


Häufigkeit & Diagnosedaten

Da die Neurasthenie selten einzeln diagnostiziert wird, sind genaue Zahlen zur Anzahl Betroffener schwierig. Allerdings kann fast man allen Menschen, die an einer psychischen Erkrankung, die nicht organisch bedingt ist, leiden, durchaus auch eine Neurasthenie zuschreiben. Da sie vor allem im Kreis der chronischen Erschöpfungsleiden aufgeht, stimmt die Anzahl der von Neurasthenie Betroffenen in etwa mit der Anzahl derer überein, die aufgrund von Burn-Out-Syndrom und ähnlichem in Behandlung sind.

Die Dunkelziffer dürfte dabei, wie bei allen psychischen Leiden, weit höher sein.

Es wird angenommen, dass das Symptom der Erschöpfung nach schon geringer geistiger oder körperlicher Anstrengung, welches das Hauptsymptom der Neurasthenie ist, circa ein Fünftel der Bevölkerung betrifft.

In Industrienationen werden diese Leiden dabei weit häufiger diagnostiziert als in Entwicklungsländern. Das Leiden tritt dabei bei beiden Geschlechtern und in in fast allen Altersgruppen auf. Besonders in Kombination mit der Midlife-Crisis oder den Wechseljahren kann durch das Hinterfragen des Lebenssinns und durch einen veränderten Hormonhaushalt die Neurasthenie wechselwirken. Die meisten Betroffenen stehen mitten im Leben.

Problematisch ist für Betroffene und die Diagnoselage, dass Neurasthenie häufig mit Burn-Out gleichgesetzt wird. Dabei besteht der Unterschied nicht in den Symptomen, sondern vielmehr in der Wahrnehmung: Während die Neurasthenie den Anschein erweckt, man sei persönlich zu schwach, um seiner Umwelt gerecht zu werden, spricht man bei Burn-Out-Auslösern fast immer von äußeren – und damit nicht selbst verschuldeten – Faktoren (laut Wolfgang Seidel).


Komplikationen bei der Krankheit

Eine Neurasthenie beziehungsweise die Symptome einer solchen führen unbehandelt und ungeklärt häufig in eine persönliche Abwärtsspirale bei den Betroffenen. Aus Überforderung erwachsen das Meiden von Aufgaben und Belastung sowie sozialen Kontakten. Daraus wiederum resultieren zum Beispiel:

  • massive Einschränkungen im Sozialleben
  • Verlust der Arbeit
  • Verlust körperlicher Fitness

Diese Dinge wiederum befeuern ein Frustgefühl, welches sich wiederum in Gereiztheit usw. entladen kann. Eine Mischung aus Überforderung, dauerhafter Erschöpfung ohne Grund und negativen Gefühlen sich selbst und seiner Umwelt gegenüber, sorgt für eine Verstärkung des Leidens.

Da der Übergang in das Burn-Out-Snydrom fließend ist, ist auch der Übergang in eine ernsthafte Depression fließend. Schließlich ist die auch Symptom eines Burn-Out-Syndroms. Eine unbehandelte Depression kann zu autoaggressiven Verhalten (Selbstverletzung, Missbrauch schädlicher Substanzen usw.) führen und im schlimmsten Fall im Suizid enden.
Meist braucht es von den ersten Symptomen, die noch verschwiegen und ignoriert werden bis zu einer schwerwiegenden Depression einige Jahre.

Eine weitere Komplikation stellt die Tatsache dar, dass eine Neurasthenie auch durch eine Neurose ausgelöst werden kann. Die alleinige Erwartungshaltung, dauerhaft erschöpft und generell überfordert zu sein, sorgt tatsächlich für einen solchen Effekt. Da die Erwartung also erfüllt wurde, ist es für einen Menschen mit der entsprechenden Psychose nur folgerichtig, dass er auch unter anderen Symptomen leiden kann.

Da diese allesamt psychosomatisch bedingt sein werden, ist die Ursachenforschung kompliziert. Eine Neurose (und auch die Hypochondrie) ist sehr schwierig zu behandeln, da die Behandlung durch ein Umdenken des Betroffenen selbst ausgelöst wird.

Ansonsten führen die Symptome der Neurasthenie zu einem allmählichen Abbau der Lebensqualität und auch zu einem Abbau des Soziallebens. Da Betroffene meist nicht die Kraft haben, dem selbst entgegen zu steuern, muss dies von außen geschehen.


Wann sollte man zum Arzt Gehen?

Man sollte mit psychischen Symptomen generell immer zum Arzt, wenn sie zu einer Belastung werden. Allerdings gilt in den meisten Gesellschaften das Gebot, seine Ängste und Probleme zu verschweigen, sofern man annimmt, dass man sie selbst verschuldet hat.

Entsprechend werden psychisch Leidende häufig von Angehörigen gedrängt, einen Arzt aufzusuchen, der mittels Gespräch den Dingen auf den Grund geht. Ein Psychotherapeuten jedweder Form sind eine Möglichkeit.
Kommen zu den rein psychischen Symptomen aber auch noch körperliche hinzu, bei denen man sich unsicher ist, ob sie rein psychosomatisch bedingt sind, ist der Gang zu einem Neurologen zu empfehlen.

Bei Verdacht auf Depressionen sollte immer ein Facharzt aufgesucht werden. Auch ist es bei den Symptomen der Neurasthenie fast immer so, dass sie ein anderes Leiden anzeigen. Mindestens eine Abklärung ist im Interesse der Betroffenen.

Behandlungsmethoden & Therapie

Liegt der Neurasthenie eine andere Krankheit zugrunde, muss diese behandelt werden. Meist ist die Behandlung einer Neurasthenie ohnehin mit der Behandlung von Burn-Out gleichzusetzen.

Dabei muss vor allem der Betroffene ein paar Dinge für sich in Angriff nehmen. Zum Schonverhalten, das aufkommenden Stress reduzieren soll, gehören zum Beispiel:

  • das Reduzieren von Verantwortung im Job durch Abgabe von Aufgaben
  • das Einhalten von Pausen
  • das Trennen von Beruflichem und Privatem
  • das Meiden von Situationen, in denen ein gesellschaftlicher Zwang herrscht, der zu belastendem Verhalten führt
  • das Reduzieren von als sinnlos empfundenen Tätigkeiten

Der Betroffene fällt dadurch allerdings allzu schnell in eine Schonhaltung, der ebenfalls durch Arbeit an der eigenen Person entgegen gewirkt werden sollte. Dafür kommen in Frage:

  • das Treiben von mäßig anstrengendem Sport
  • das Freimachen des Kopfes durch Ablenkung
  • das Erledigen lange aufgeschobener Aufgaben
  • das Pflegen wichtiger Sozialkontakte
  • das Suchen von lösbaren Herausforderungen in Beruf und Alltag

So wird der Druck von außen reduziert, während der Betroffene sich selbst stärken kann. Die letztgenannten Maßnahmen sorgen für eine Wiederkehr von persönlich empfundener Stärke. Sobald sich der Betroffene bereit fühlt, kann er dabei in sein altes Leben voll zurück kehren, sofern er die Quellen seiner Symptome erkannt hat und mit ihnen umzugehen weiß.

Zugleich wird ein wenig Ordnung ins Lebens gebracht und das Körpergefühl gestärkt. Hierdurch kann sich die Wahrnehmung des Betroffenen auf seine Umwelt ändern: Wesentliches und die eigenen Bedürfnisse rücken mehr in den Fokus.

Diese Behandlung einer Neurasthenie funktioniert in der Regel nur dann gut, wenn der Betroffene auch willens ist, sich an ein paar Methoden zu halten. Es kann nötig sein, vom Berufsleben eine Zeit lang zu pausieren.

Ist die Neurasthenie bereits in eine psychische Erkrankung mit Depressionsanteil übergegangen, wird eine Selbstmotivierung des Betroffenen kaum zu erwarten sein. Es kann durchaus nötig werden, mittels Medikamenten (Depressiva) zu behandeln und dann weitere Schritte zu planen.


Vorbeugung – Impfung & Prävention

Eine Impfung gegen psychische Leiden gibt es nicht.

Allerdings kann man auf Anzeichen seines Körpers hören, die einem verraten, dass etwas nicht stimmt und die eigene Psyche belastet ist. Schnelles Ermüden und Gereiztheit sind recht eindeutige Symptome, die einen aufhorchen lassen sollten.

Die beste Vorbeugung der Neurasthenie ist es natürlich, alle sie auslösenden Faktoren auszuschalten. Dies ist aber in unserer Gesellschaft mit einem Ausstieg aus derselbigen gleichzusetzen.
Genau so, wie Depressionen und das Burn-Out-Syndrom jeden treffen können, kann auch jeder Mensch an einer Neurasthenie leiden. Die Tatsache, dass Menschen verschiedenster Lebenssituationen betroffen sind, spricht dafür, dass wir generell unter Stress und Erschöpfung leiden können.

Was aber vorbeugend hilft, ist, sich ab und an eine Auszeit zu gönnen und auf eigene Bedürfnisse zu hören. Da perfektionistische und gern helfende Menschen öfter an den Symptomen einer Neurasthenie leiden, spricht einiges dafür, einfach in regelmäßigen Abständen für sich selbst da zu sein. Ganz im Stile der betuchten Damen des 19. Jahrhunderts kann zum Beispiel eine Kur genossen werden.


Prognose zur Heilung

Die Chancen auf Heilung sind, wie bei allen psychischen Leiden, höchst unterschiedlich und von Einzelfall zu Einzelfall neu zu bewerten.
Faktoren, die hier mit einfließen, sind unter anderem:

  • Persönlichkeitsstruktur des Betroffenen
  • Dauer des Leidens
  • Ausprägung des depressiven Anteils

Generell gilt aber: desto stärker sich die Symptome durch Nichtbeachtung und weitere Überlastung manifestiert haben, desto schwieriger wird es für den Betroffenen, sein häufig automatisiertes Verhalten sich selbst und seiner Umwelt gegenüber wieder abzulegen und seine Lage zu reflektieren.

Da eine Neurasthenie aber nicht organisch bedingt ist, muss man sich zumindest keine Sorgen um dauerhafte Nervenschäden machen.

Bei den meisten Formen von Erschöpfungssyndromen, sind die Heilungschancen aber sehr gut. Es kann lediglich unterschiedlich lang dauern, sich von ihnen zu erholen. Wird noch eine Depression behandelt, verlängert sich diese Dauer nochmals.

Man kann nach einer überstandenen Neurasthenie jederzeit wieder die Symptome einer Neurasthenie entwickeln. Die Auslöser sind gleich oder ähnlich.


Die Rückfallgefahr

Depressionen, Burn-Out-Syndrom und Co können jeden Menschen mehrfach im Verlauf seines Lebens heimsuchen. Dies ist darin begründet, dass die Auslöser in der Persönlichkeit des Betroffenen sowie in seinem Umfeld zu finden sind.

Es ist nicht möglich, sein komplettes Umfeld (inklusive Arbeit und gesellschaftlicher Pflichten) so auszurichten, dass man nicht mehr das Risiko erleidet, gestresst zu werden. Gerade Menschen, die annehmen, dass eine Leistung über ein erträgliches und zu erreichendes Maß hinaus etwas Positives sei, sind besonders gefährdet. Allerdings ist die kulturelle Verankerung unser Leistungsgesellschaft so stark, dass es da keinen nennenswerten Ausweg gibt.

Auch werden Stress und Frustration zu oft verheimlicht, weil sie vielfach als Schwäche ausgelegt werden. Wer einmal an einer Neurasthenie litt, tut also gut daran, im Verlauf der Heilung zu erlernen, was sie ausgelöst hat und wie er darauf reagiert. Insofern ist ein Aufsichachten die einzige Maßnahme, die einem Rückfall – oder einer Folgeerkrankung – vorbeugen kann.


Alternative Behandlungsmethoden

Da es sich bei einer reinen Neurasthenie um eine rein psychische Erkrankung handelt, deren körperliche Symptome eben auch psychosomatisch sind, lässt sich eine Besserung durch Entspannungsmaßnahmen herbeiführen.

Hier gilt: gut tut, was einem gut tut. Es ist zur Herbeiführung einer Entspannung und Stressreduktion alles erlaubt, was einem persönlich wirkt. Das können zum Beispiel sein:

  • Massagen
  • Akupunktur
  • Bäder mit Ölen
  • Tees
  • Aromakerzen
  • Meditation
  • Sport
  • Hobbys
  • Mittagsschlaf
  • und vieles mehr

Diese Dinge dürfen aber nicht als Therapie des Leidens verstanden werden. Sie eignen sich aber dazu, in schwierigen Situation eine Entspannung zu erfahren und sich vorübergehend abzulenken, um anschließend gestärkt noch einmal über die Situation nachzudenken und Schritte einzuleiten, die Stressfaktoren dauerhaft zu schwächen oder abzuschalten.

Auf Medikamente muss in der Regel nicht zurück gegriffen werden, solange keine Depression beteiligt ist (die ja erst einmal diagnostiziert werden muss).

Auch bei psychosomatisch bedingten Symptomen wie Kopfschmerzen und nervösen Zuckungen finden sich eine ganze Reihe an alternativen Mitteln, die Nerven und Seele beruhigen können und so die Leiden abklingen lassen. Die oben genannten Methoden können dabei noch durch Mittel für die direkte Einnahme (zum Beispiel Schüssler-Salze und Tinkturen) ergänzt werden.

Welche Hausmittel können helfen?

Das einfachste Hausmittel, das ohne Arzt und Medikamente Linderung verschafft, ist im Falle des Auftretens der Symptome einer Neurasthenie eine Auszeit. Dies kann bedeuten, dass man sich einfach mal für ein paar Minuten zurückzieht (dies kann man auch gern so mit seinem Umfeld kommunizieren), dass man sich etwas Leckeres gönnt oder dass man in Arbeitsprozessen auch mal eine Pause einlegt.

Es ist auch wichtig, sich bei einem Gefühl der Erschöpfung der Unterstützung von Familie und Freunden zu vergewissern. Zwar kann es sein, dass die Motivation bezüglich des eigenen Soziallebens stark nachgelassen hat, aber hier sollte man sich einfach einen kleinen Ruck geben. Unter geliebten Menschen zu sein, entspannt meist ganz automatisch. Wird die Situation durch ein strittiges Thema belastet, sollte man sich – sofern es in dem Moment zu viel ist – ausklinken, was natürlich kommuniziert sein muss.

Wichtig: es sollte den nahen Menschen mitgeteilt werden, dass man sich einfach in diesem Moment nicht damit befassen kann. Dies nachzuholen ist aber wichtig.

Sport ist ein weiterer wichtiger Faktor. Zahlreiche Studien haben gezeigt: Menschen, die regelmäßig – auch einmal in der Woche zählt – Sport treiben, sind gesünder, fühlen sich fitter und ermüden weniger schnell. All diese Dinge sind gut geeignet, um aufkommende Erschöpfung zu beseitigen, Abwechslung ins Leben zu bringen und den Körper dauerhaft zu stärken.

Schließlich lebt in einem gesunden Körper ja ein gesunder Geist. Ein gesunder Geist wird seltener Krank. Durch eine sportliche Aktivität kann man also nur gewinnen.

Heilkräuter & Heilpflanzen

Bei Müdigkeit und Gereiztheit ist es wichtig, dem Körper Entspannung zu bieten. Zwar kann man einfach Schlafen, denn das Bedürfnis ist meistens stark. Aber es ist ratsam, seinen Geist und damit seine Nerven erst einmal zu beruhigen. So wird der Schlaf noch erholsamer, weil das Unterbewusstsein besser abschalten kann und einen weniger quälende Gedanken vor dem Einschlafen das Erholen madig machen.

Besonders entspannend wirken dabei die klassischen Heilpflanzen:

  • Baldrian
  • Lavendel
  • Melisse
  • Hopfen

Als Tee oder Kissen können sie den Abend beziehungsweise das Einschlafen gut begleiten.
Besonders ein Kissen oder Säckchen mit Hopfenblüten wirkt gut für die Entspannung.
Zudem gibt es aus vielen dieser Pflanzen (und auch ein paar anderen) Lutschpastillen, die wirken. Das Lutschen eines Bonbons in Kombination mit dem eher milden Aroma dieser Pflanzen beruhigt erst den Mundraum und dann die Nase.
Der Geruchssinn ist der Sinn, der am Stärksten auf unser Unterbewusstsein wirkt – entsprechend tritt eine Entspannung ein.

Ätherische Öle

Ätherische Öle gibt es in Ausführungen gegen die Nervosität an sich und auch zum Einreiben von zuckenden und schmerzenden Stellen, die mit einer Neurasthenie einhergehen können.

Es werden dabei zum Beispiel verwendet:

  • Basilikum
  • Bergamotte
  • Fenchel
  • Lavendel
  • Melisse
  • Orange
  • Sandelholz

Das Einreiben von Körperpartien sowie das Nehmen von Dampfbädern unter Zugabe der ätherischen Öle entspannt besonders gut. Dabei sollte man Düfte vermeiden, die ein Reizgefühl in der Nase verursachen. Es ist wichtig, aus den geeigneten ätherischen Ölen diejenigen auszuwählen, die auf einen selbst sanft wirken. Dies kann individuell sehr unterschiedlich sein.

Homöopathie & Globuli

In der Homöopathie haben sich vor allem Tinkturen bewährt, die dreimal täglich zu je zehn bis zwanzig Tropfen eingenommen werden können. Je nach Beschwerdebild unterscheidet sich die Art des Mittels. Bei den Potenzen sind D6 und D12 zu empfehlen.

  • Agnus castus: Bei Müdigkeit, Kraftlosigkeit, frauenspezifischen Beschwerden
  • Calcium phosphoricum: Besonders bei kraftlosen Menschen, die eher schwächlich gebaut sind anzuwenden
  • Delphinium staphisagria: Bei besonders starker Reizbarkeit

Besonders stich ansonsten noch Ginseng hervor. Dieses Mittel belebt schwache Menschen und ist dafür bekannt, dem Geist und Körper Energie zu verleihen. Die Potenz ist hier von D3 bis zu D6 anzusiedeln.

Es gibt noch eine Reihe anderer Mittel, die Nebensymptome wie Kopfschmerzen und verringerte Libido behandeln können. Dies sollte zusammen mit einem Homöopathen abgeklärt werden.

Schüssler-Salze

Bei Neurasthenie werden alle Schüssler-Salze, die geeignet sind, innerlich angewendet. Hierfür werden bis zu drei Tabletten bis zu sechsmal täglich im Mund aufgelöst oder einzeln geschluckt. Dabei können die Schüssler-Salze auch kombiniert werden, aber mehr als drei verschiedene auf einmal sollte man nicht einnehmen.

Unter den Funktionsmitteln finden sich dann folgende Schüssler-Salze für die Anwendung bei Neurasthenie:

  • Nr. 5Kalium phosphoricum: fördert die Leitfähigkeit der Nerven
  • Nr. 8Natrium chloratum: ergänzt das physikalische Stoffgleichgewicht in den außerzellulären Körperflüssigkeiten und damit den Transport chemischer Signale
  • Nr. 11Silicea: stärkt Bindegewebe, Haut und Haare und reduziert so physische Schäden durch Stress und Erschöpfung

Ergänzungsmittel sind hier:

Die Potenzen sind in der Regel D6.

Diät & Ernährung

Bei der Ernährung im Falle einer Neurasthenie spielen zwei Faktoren eine entscheidende Rolle:

  • Was tut einem seelisch gut?
  • Was tut dem Körper gut?

Nahrung für die Seele und (damit für den Stressabbau) ist alles, was einem schmeckt. Die einzige Einschränkung ist dabei, dass zu schwere Kost und Alkohol Trägheit noch weiter fördern. Man sollte sich also hier ein wenig zügeln, damit der Körper nicht nur dauerhaft mit dem Verdauen beschäftigt ist. Dies kostet nämlich auch Kraft, die man aber während der Phase einer Neurasthenie dringend benötigt.

Kleine Naschereien können den Alltag verschönern. Sich selbst etwas zu gönnen, kann auch durch den Verzehr von Schokolade geschehen. Nur zu viel ist natürlich nicht in Ordnung.

Zusätzlich sollte dem Körper alles gegeben werden, was er braucht, um auch zur sportlichen Aktivität zu finden. Dazu gehören gute Proteine (aus Fisch, gutem Fleisch usw.), Vitamine (die sich gleichzeitig auf das Immunsystem auswirken) und Mineralstoffe (die bei der Signalübertragung der Nerven auch eine herausragende Rolle spielen).

Eine gesunde Ernährung steigert die Fitness und die sportliche Leistungsfähigkeit. Dies wiederum steigert des Selbstwertgefühl und das wiederum macht einen stark. Es hilft also, bei Bewegung und Ernährung anzusetzen, wenn es gilt, einer Neurasthenie entgegenzutreten oder am besten vorzubeugen.


FAQ – Fragen & Antworten

Nach der Arbeit bin ich regelmäßig stark erschöpft und antriebslos. Ist das Neurasthenie?

Wenn Antriebslosigkeit und Erschöpfung nach der Arbeit auftreten, ist dies ein Zeichen für einen langweiligen oder anstrengenden Job. Neurasthenie bedeutet hingegen auch, dass während des gesamten Tages immer ein Gefühl von Erschöpfung vorherrscht.

Warum sind Erschöpfungssyndrome so viel häufiger in Industrienationen auftretend?
Wir leben enger und vernetzter und vom Einzelnen wird einfach mehr erwartet. Zwar funktioniert diese Form von Gesellschaft, aber sie hat eben auch Nachteile. Der Einzelne steht unter mehr individuellem Stress, weil er per Definition immer mit anderen im Wettbewerb steht. Dies sorgt für mehr Leistung, höheren Wohlstand – aber eben auch psychische Probleme.

Was genau ist der Unterschied zwischen Burn-Out-Syndrom und Neurasthenie?
Hier scheiden sich die Geister. Neurasthenie bezeichnet vor alle die dauerhafte Erschöpfung und eine gesteigerte Reizbarkeit. Burn-Out kann noch weitere Aspekte umfassen, die zum Beispiel eine Sinnkrise und ernsthafte Depressionen beinhalten. Die Übergänge sind jedoch fließend und die Neurasthenie ist immer Teil eines Burn-Out-Syndroms.

Können Kinder an Neurasthenie leiden?
Es gibt kaum bekannte Fälle. Zwar gibt es etwas, was man auch als Burn-Out-Syndrom bei Kindern bezeichnet, aber eine übermäßige Überforderung und Reizbarkeit bei Kindern ist meist anderen Umständen geschuldet.

Verschwindet die Neurasthenie auch von allein?
Das kann sie durchaus. Sie wird ja ohnehin kaum medikamentös behandelt und ist durch Launen und von außen beeinflussbar. Eine Phase der Erholung und ein paar gute Erlebnisse können sie also verschwinden lassen. Ob sie dann wiederkehrt, ist dann auch unklar.
Aber sobald die Symptome der Neurasthenie eine Belastung darstellen, sollte man den Gang zu einem Arzt nicht scheuen.

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