Tourettesyndrom

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Tourettesyndrom

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Ursache

Behandlung

Tourettesyndrom – wenn Nerven nicht mehr mitspielen

Tourette-Betroffene kennen das Gefühl, angestarrt und ausgelacht oder beleidigt zu werden, wenn sie in der Öffentlichkeit unterwegs sind. Viele Menschen wissen nicht, warum Tourette-Erkrankte so auftreten, wie sie auftreten, und glauben, sie würden mit Absicht so handeln und andere mit Gesten oder Worten bewusst ärgern und verletzen.

Dabei können Erkrankte überhaupt nichts dafür, wenn sie Schimpfworte ausstoßen oder plötzlich laut schreien. Tourette ist für diese Handlungen verantwortlich, und niemand, der daran leidet, benimmt sich absichtlich so auffällig.

Bei Tourette handelt es sich um eine genetisch bedingte Nervenkrankheit. Sie äußert sich in verschiedenen Symptomen, vor allem in sogenannten Tics, nervöse Zuckungen. Diese können rasch hintereinander auftreten und äußern sich sowohl in Muskelzuckungen als auch in sprachlichen Ausrufen oder Lauten. Sie treten oft mehrmals hintereinander bzw. mehrmals täglich auf, und Betroffene können sie nicht vorhersagen oder steuern. Diese Unberechenbarkeit ist es, die viele gesunde Menschen irritiert: Man unterhält sich ganz normal oder geht zusammen spazieren, und völlig unvermittelt schlägt der Erkrankte mit der Hand auf den Tisch oder schreit laut, ohne dass es einen Anlass dafür gibt. Deshalb kursieren auch viele Witze über Tourette, und in diversen Filmen und Serien wurden Erkrankte als vermeintlich witzige Typen eingebaut.

Doch für Betroffene ist ein Leben mit Tics und Störungen alles andere als lustig. Sie versuchen oft, die Zuckungen zu unterdrücken und kontrollieren sich ständig. Sie stehen also konstant unter Anspannung und müssen viel Kraft aufwenden, so normal wie möglich zu funktionieren, vor allem in der Öffentlichkeit, um nicht aufzufallen und negative Reaktionen zu bekommen.

Bei Kindern tritt Tourette etwas häufiger auf als bei Erwachsenen, bei Jungen häufiger als bei Mädchen. Ca. 80000 Menschen in Deutschland sind betroffen, allerdings müssen nicht alle behandelt werden, da viele Tics unauffällig sind und deshalb nicht behandelt werden müssen. Nur bei starker Beeinträchtigung wird ein Arzt hinzugezogen.

Oft werden Kinder mit Tics und Nervosität von anderen als „schlecht erzogen“ kritisiert. Am stärksten ausgeprägt ist die Krankheit während der Pubertät, und nur bei wenigen Betroffenen lassen die Symptome dann nach. Die meisten Erkrankten müssen ihr ganzes Leben lang mit Tourette umgehen und versuchen, die Tics in den Griff zu kriegen.

Grimassenschneiden oder lautes Rufen – die Symptome des Tourettesyndroms

Typische Symptome werden aufgrund der Tourette Syndrom Schweregradskala (TSSS) unterteilt in Tics mit geringer Beeinträchtigung, mäßiger Beeinträchtigung und schwerer Beeinträchtigung.

Menschen mit geringer Beeinträchtigung haben keine Probleme in Schule oder Beruf, da ihre Tics unauffällig sind und von anderen nicht bemerkt oder thematisiert werden. Zu diesen Tics gehören z.B. häufiges Stirnrunzeln oder Naserümpfen.

Mäßig beeinträchtigt sind Menschen, die Tics haben, die auch Außenstehenden auffallen und die Betroffene darauf ansprechen oder kritisieren. Es kommt zu Problemen in der Öffentlichkeit, im Beruf oder in der Schule. Zu diesen Tics zählt ständiges Räuspern oder das Ausstoßen von Lauten, Grimassenschneiden oder Schulterzucken.

Tics, die zu einer schweren Beeinträchtigung führen, sind beispielsweise Zuckungen der Arme, sodass Betroffene unwillkürlich um sich schlagen, oder auch ein ruckartiges Zurückwerfen des Kopfes. Auch das plötzliche Ausrufen von teilweise obszönen Schimpfworten oder lautes Schreien zählt zu diesen Tics. Selbstverletzungen wie mit dem Kopf gegen die Wand schlagen oder sich selbst mit einem spitzen Gegenstand stechen können ebenfalls auftreten.

Man unterscheidet bei Tourette vokale und motorische Tics. Auch hier gibt es eine Unterteilung in einfache und komplexe Tics. Betroffene können eine Vielzahl Symptome zeigen, die von ständigem Blinzeln (einfach) bis zur Ausführung obszöner Gesten reichen. Kein Betroffener kann kontrollieren, welche Tics er hat und wann er sie ausführt. Zusätzlich zu den Tics leiden Erkrankte oft unter weiteren Problemen wie Lernschwäche, ADHS, Schlafstörungen und Depressionen aufgrund der Krankheit und der Reaktionen darauf. Auch Zwangshandlungen und Perfektionismus treten auf; die Erkrankten müssen eine Sache auf eine bestimmte Weise erledigen, und zwar immer in der gleichen Reihenfolge, sonst sind sie nicht zufrieden.

Noch weitgehend unerforscht – die Ursachen für das Tourettesyndrom

Warum Tourette auftritt und ob es Risikofaktoren gibt, ist noch weitgehend unerforscht. Man vermutet eine genetische Störung in Kombination mit Problemen bei Schwangerschaft und Geburt. Es ist erwiesen, dass Kinder, deren Eltern unter Tourette leiden, ein 10-100 mal höheres Risiko haben, ebenfalls zu erkranken, als Kinder mit gesunden Eltern ohne Tourettesyndrom.

Bei einer Tourette-Erkrankung ist eine Störung des Botenstoffwechsels im Gehirn vorhanden. Die Zahl der Dopaminrezeptoren, Neurotransmitter, die Informationen weiterleiten, ist bei Tourettepatienten stark erhöht. Auch andere Botenstoffwechsel wie Serotonin, Noradrenalin, Glutamin und Opioide stehen im Verdacht, bei einem gestörten Gleichgewicht und fehlerhaften Wechselwirkungen mitverantwortlich für eine Ausbildung von Tourette zu sein.

Die typischen Tics bilden sich scheinbar in den Basalganglien tief im Gehirn. Diese Ganglien steuern normalerweise Handlungen des Menschen und regeln, ob ein Mensch auf bestimmte Impulse reagiert und wenn ja, wie. Sind diese Ganglien sozusagen durcheinandergeraten, kann Tourette entstehen.

Selten kann es vorkommen, dass eine Streptokokken-Infektion der Gruppe A zum Auftreten von Tourette führt. Bei einer Erkrankung mit Scharlach beispielsweise besteht eine geringe Möglichkeit, dass vom Betroffenen entwickelte Antikörper gegen die Krankheit die Ganglien angreifen und so Tics auslösen können.

Das Tourettesyndrom zählt zu den Erkrankungen, bei denen die Forschung noch in vielen Bereichen im Dunkeln tappt. Man nimmt an, dass Genetik und Stoffwechselstörungen im Gehirn Auslöser sind. Auch das Geschlecht der Betroffenen kann eine Ursache sein, denn Jungen sind sehr viel häufiger von der Krankheit betroffen als Mädchen.

Auch einige Medikamente wie Neuroleptika können Tics auslösen, und manche Hirntumorpatienten entwickeln im Lauf der Erkrankungen Symptome. Bei vielen Betroffenen werden die Tics stärker, wenn sie unter psychischen Belastungen oder Stress stehen.

Aufklärung und psychologische Betreuung helfen – Therapien beim Tourettesyndrom

Vor allem für Eltern ist es eine Erleichterung, wenn sie für ihr Kind eine aussagekräftige Diagnose erhalten und es nicht heißt, ihr Kind ist verhaltensgestört und schlecht erzogen, sondern leidet an Tics durch das Tourette-Syndrom. Eine umfassende Aufklärung und psychologische Beratung für Familien ist eine gute und wichtige Hilfe im Umgang mit der Erkrankung.

Je nach Schwere der Tics gibt es Betroffene, die gar keine Behandlung brauchen und möchten, weil sie gut mit der Krankheit zurechtkommen und keine Probleme im sozialen Umfeld haben. Andere benötigen eine Verhaltenstherapie und weitere Hilfen wie beispielsweise Yoga oder Maßnahmen, um Stress abzubauen wie Entspannungstechniken. Ist das Tourettesyndrom stark ausgeprägt, können Medikamente helfen. Diese führen allerdings oft zu starken Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel oder Störungen im Sexualtrieb.

Wichtig sind auch Verhaltenstherapie und das Behandeln der Krankheiten, die sich als Nebenfolge von Tourette ergeben, also z.B. ADHS oder Zwangsstörungen. Hier werden erfolgreich sogenannte Response Präventionen eingesetzt, um bei ersten Anzeichen eines Tics gegensteuern zu können. Durch Habit Reversal Training lernen Betroffene, ihre Selbstwahrnehmung zu schulen und Verhaltensmuster zu ändern, um Tics zu verhindern oder abzuschwächen.

Das Tourettesyndrom ist nicht heilbar, kann aber durch verschiedene Therapien oft stark gemildert werden. Betroffene können in vielen Fällen ein ganz normales Leben führen und sind oft kreativer und reaktionsschneller als andere. Nur wenn die Symptome den Erkrankten stark beeinträchtigen und er sich durch negative Reaktionen seiner Umwelt zurückzieht, sollten Medikamente oder eine Operation eingesetzt werden.

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